c't 1/2018
S. 184
Story
Realtraum
Aufmacherbild
Illustration: Susanne Wustmann, Dortmund

Realtraum

Es bestand kein Zweifel: Der Mann, den die Drehtür in diesem Augenblick ausspie, war das Opfer. Zumindest hatte ihn der Auftraggeber so genannt. Seinen Namen kannte Notker nicht. Das Opfer war Anfang Vierzig, mittelgroß, breitschultrig und durchtrainiert bis ins Mark. Der beigefarbene Anzug war offensichtlich maßgeschneidert, das rosafarbene Hemd frisch gebügelt. Die schwarzen Schnürer waren poliert. Wäre die Kombination der Farben stimmiger gewesen, hätte man ihm trotz seiner grobschlächtigen Gesichtszüge so etwas wie Eleganz zusprechen können.

Sich nach allen Seiten umblickend strebte der Mann mit kraftvollen Schritten den Aufzügen zu. Notker wandte sich ab und tat so, als sei er mit seinem Smartphone beschäftigt. In Sweatshirt, Jeans und Turnschuhen und mit einem verschlissenen Rucksack auf dem Rücken würde ihn jeder für einen Studenten halten. Die Wartenden vor den Aufzügen spiegelten sich in einer halbtransparenten Übersichtstafel, so dass er sie unbemerkt beobachten konnte. Dass der Mann einen Aufzug benutzen würde und nicht ins Einkaufszentrum wollte, hatte der Auftraggeber angekündigt.

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