c't 1/2018
S. 100
Hintergrund
Biohacking
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Selbstbau-Ich

Biohacking: Alltägliche und exotische Technikerweiterungen des Körpers

Kompass-Implantate, Farbsensoren und Mikrochips unter der Haut machen Menschen zu Cyborgs. Biohacker wollen eben mehr als nur normal – und das ganz ohne medizinische Anlässe.

Wer an Cyborgs denkt, hat meist Bilder von Metallmenschen wie Robocop, Darth Vader oder Borg aus Star Trek im Kopf. Doch vielleicht sitzt ein Cyborg bereits mit ihnen im Büro oder in der Bahn. Der Begriff steht für kybernetische Organismen, durch Technik erweiterte Lebewesen – und die sind schon überall: Alltägliches wie Herzschrittmacher und Cochlea-Implantate macht aus Menschen Cyborgs.

Manche Ersatzteile statten die Träger mit Fähigkeiten aus, die über den Normalzustand des menschlichen Körpers hinaus gehen. So können Cochlea-Träger ihr Implantat abschalten und so für persönliche Ruhe sorgen. Je nach Implantat-Ausstattung lassen sich auch Audiosignale direkt via Bluetooth ins Implantat einklinken.

Die Praktik, den menschlichen Körper mit technischen Komponenten zu erweitern, wird oft mit dem schwammigen Begriff Body- oder Biohacking bezeichnet. Biohackern geht es nicht nur um das Ausgleichen von körperlichen Nachteilen – sie wollen besser sein als nur normal. Dazu greifen sie zu ausgefallenen Methoden – nicht selten zu Fragwürdigem wie Gen-Gebastel mithilfe der CRISPR-Methode. Weniger gesundheitsgefährdend, verbreiteter und moralisch weniger verwerflich sind Technik-Upgrades, die direkt unter die Haut implantiert werden.

Biohacking für jedermann

Sich selbst zum Cyborg zu machen steht heutzutage schon jedem offen. Nur fehlender Mut, Sicherheitsbedenken und eventuell eine dicke Haut stehen dem technischen Fortschritt des eigenen Körpers im Weg.

Wer sich ein Upgrade einbauen möchte, sollte bedenken, dass Biohacking zusammen mit anderen Body-Modifications mit einem Bein in einer rechtlichen Grauzone steht. Da es sich medizinisch betrachtet um unnötige Prozeduren handelt, die auch nicht schönheitschirurgisch anerkannt sind, werden die Eingriffe nicht von ausgebildeten und lizenzierten Ärzten vorgenommen. Man kann sich also bestenfalls die Dienste eines professionellen Piercers oder Body-Modders sichern.

Aufgrund der Rechtslage bei Betäubungsmitteln dürfen Piercer die Eingriffe nur ohne lokale Anästhetika vornehmen. Manche Körperbastler bieten immerhin kühlende Sprays an. Ansonsten heißt es beim Biohacking – wie bei normalen Piercings auch – Zähne zusammenbeißen, atmen und durchhalten.

Chip unter der Haut

Das verbreitetste Biohacking-Upgrade ist ein NFC- beziehungsweise RFID-Chip-Implantat unter der Haut. Die reiskorngroßen Glaskapseln enthalten ein paar Milligramm Technik und werden per Kanüle unter die ersten Hautschichten verpflanzt. Alternativ gibt es auch Chip-Modelle, die in flachen Biopolymer-Hüllen stecken (siehe Reportage auf S. 108).

V.l.n.r.: Kaum größer als ein Reiskorn – ein NFC-Chip- und ein Neodym-Magnet-Implantat. Daneben das North-Sense-Implantat von Cyborg Nest – ein Kompass, der unter der Haut verankert wird. Bild: Dangerous Things/Cyborg Nest

Die Implantate funktionieren wie vergleichbare Chips – ob die nun in einer Zugangskarte, einem Transponder-Schlüsselanhänger oder eben unter der Haut sitzen, ist technisch irrelevant. Der Chip ist passiv, bis ihn ein Lesegerät anspricht und per Induktion mit Strom versorgt. Erst dann kann von außen auf die gespeicherten Informationen zugegriffen werden. In den meisten Fällen ist dies nur eine individuelle ID, die im System auf Lesegerätseite hinterlegt und mit bestimmten Berechtigungen und Funktionen verknüpft ist (siehe Artikel auf S. 112).

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