c't 22/2018
S. 180
c't deckt auf
Airbags als Datenspeicher
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Die versteckte Blackbox im Auto

Airbags sammeln Fahrdaten

Um Leben retten zu können, müssen Airbag-Steuergeräte Bewegungsdaten des Fahrzeugs in Echtzeit erfassen. Nach einem Unfall lassen sich daraus sensible Crash-Daten extrahieren. Das ist nicht immer im Interesse des Halters oder Herstellers.

Normalerweise merkt man von den Aktivitäten eines Airbag-Steuergeräts zum Glück wenig, denn für den regulären Fahrbetrieb ist es nicht erforderlich. Erst bei einem Unfall kümmert es sich um die Auslösung der diversen Rückhaltesysteme. Das lebensrettende Feuerwerk aus diversen Front-, Seiten-, Kopf-, Knie-Airbags und den Gurtstraffern muss auf Millisekunden genau gezündet werden. Dabei protokolliert das Steuergerät in den meisten Fällen ganz nebenbei auch den gesamten Unfallablauf – vor allem die Daten zur Längs- und Querbeschleunigung.

Dass Unfalldaten im Airbag-Steuergerät gespeichert werden, ist an sich nichts Neues. So weist beispielsweise die Werkstattdokumentation von BMW darauf hin, dass der Unfalldatenspeicher nach einer bestimmten Anzahl von Vorfällen vollgeschrieben ist und damit der Austausch des Airbags-Steuergeräts notwendig wird. Nähere Details zur Art der gesammelten Unfalldaten finden sich dort allerdings nicht.

Speicherzwang in USA

In den USA schreibt der Gesetzgeber genau vor, welche Daten die Hersteller im Falle des Unfalls im Auto speichern müssen. Die dort übliche Bezeichnung für den Unfalldatenspeicher ist „Event Data Recorder“ (EDR). Im EDR müssen zum einen Daten über den eigentlichen Unfall liegen, etwa die auftretenden Beschleunigungen oder die Zeiten, wann welcher Airbag ausgelöst wurde. Zum anderen muss der Hersteller auch sogenannte „Pre-Crash“-Daten erfassen: Etwa die Fahrzeuggeschwindigkeit oder die Aktivitäten von Gas- und Bremspedal.

Die Fahrzeughersteller können diese Daten als Nachweis nutzen, dass die Rückhaltesysteme fehlerfrei funktioniert haben und damit Regressansprüche abwenden. Die Daten können allerdings auch Hinweise zur Klärung des Unfallhergangs geben. Die Pre-Crash-Daten sind von besonderer Bedeutung. Schließlich geben Sie darüber Auskunft, wie schnell das Fahrzeug kurz vor dem Unfall tatsächlich unterwegs war.

Der Fahrzeugzulieferer Bosch ist nach eigenen Angaben Marktführer, wenn es um das Auslesen und Auswerten der Unfalldaten geht. Zu diesem Zweck bietet das Unternehmen das Auslese-System Crash Data Retrieval (CDR) an, das auch für Privatpersonen frei verfügbar ist [1]. CDR besteht aus einer Windows-Software und einem Hardware-Modul mit diversen Adapterkabeln. Im Prinzip handelt es sich um ein CAN-Bus- und für ältere Fahrzeuge ein K-Line-Interface, mit dem die Daten über die OBD-Schnittstelle (On-Board Diagnose) des Fahrzeugs ausgelesen werden können. Auch für neuere Fahrzeugmodelle, die statt CAN auf das leistungsfähigere FlexRay setzen, ist ein Interface erhältlich.

Das Airbag-Steuergerät analysiert die Bewegungsdaten des Fahrzeugs und zündet im Ernstfall die unterschiedlichen Rückhaltesysteme.

Was in den USA Vorschrift ist, bleibt in Europa weitestgehend dem Hersteller überlassen. Wie sieht es also mit der Speicherung von Unfalldaten bei Fahrzeugen in Deutschland aus? Wenn man sich die Liste der von CDR unterstützten Fahrzeuge [2] ansieht, fällt auf, dass bei den meisten Modellen deutscher Fahrzeughersteller nur die Variante für die USA oder Kanada unterstützt wird. Entsprechende Hinweise gibt es auch von den Fahrzeugherstellern selbst, etwa von Mercedes [3]. Allerdings legt hier schon die Formulierung nahe, dass die Daten prinzipiell auch in Nicht-US-Fahrzeugen vorhanden sind, sich mit dem CDR-Tool aber nicht direkt auslesen lassen.

Blackbox ausgeleuchtet

Um herauszufinden, welche Unfalldaten in deutschen Fahrzeugen tatsächlich gespeichert werden und inwieweit sich diese auslesen und auswerten lassen, untersuchten wir exemplarisch vier Airbag-Steuergeräte, die allesamt aus Unfallfahrzeugen stammen und auf eBay erhältlich waren. Eines stammt aus einer Mercedes C-Klasse von 2015, ein weiteres kommt aus einem Audi A4 Baujahr 2017 und die beiden letzten aus einem 2016er VW Golf und einem 7er-BMW aus dem Jahr 2015.

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