c't 22/2018
S. 42
News
Windows-Zwangsmigration
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Schluss mit Tux

Linux-Ausstieg in Niedersachsen: Windows statt Bugfix

Es ist aus und vorbei mit Linux in der niedersächsischen Finanzverwaltung. Das hat die Landesregierung in ihrem Koalitionsvertrag festgelegt. Die Antwort auf eine kleine Anfrage enthüllt, dass die millionenschwere Migration nur ein teurer Workaround ist.

Linux soll weg, die niedersächsische Finanzverwaltung endlich mit Windows arbeiten, wie alle andere Bundesländer auch. So will es der Koalitionsvertrag von SPD und CDU in Niedersachsen. Wie diese Festlegung überhaupt zustande kam und warum es keine ergebnisoffene Überprüfung ist oder war, wollte man uns nicht erläutern. Die Umstände interessierten aber drei Abgeordnete der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im niedersächsischen Landtag. Sie stellten eine kleine Anfrage – und die Antworten darauf geben Einblick in die wahren Beweggründe.

So interpretiert das Ministerium den Koalitionsvertrag neu: Das dort eigentlich klar formulierte Vorhaben, „wir werden den in Niedersachsen bislang Linux-basierten Verfahrensbetrieb aufgeben“, sei eine „möglicherweise missverständliche Formulierung“. Sie beschreibe lediglich „das von der Landesregierung angestrebte Ziel, den Betriebssystemwechsel zu Windows herbeizuführen“.

Doch „zur Sicherstellung eines zuverlässigen Betriebs (…) zeichnet sich der Umstieg auf (…) Windows als zwingend notwendig ab“, erklärt das Finanzministerium gleich im nächsten Satz. Hintergrund ist, dass Bund und Länder eine Vereinheitlichung der IT-Landschaft in den Steuerverwaltungen der Länder beschlossen haben – das sogenannte Verwaltungsabkommen „Konsens“. In den nördlichen Bundesländern ist der Dienstleister Dataport mit der Bereitstellung der – „grundsätzlich plattformunabhängig“ entwickelten – Steueranwendungen beauftragt.

Windows only

Doch trotz plattformunabhängiger Entwicklung könne „ohne eine Vereinheitlichung (…) der Einsatz zentraler Fachanwendungen (…) mittel- bis langfristig nicht mehr gewährleistet werden“. Denn „im Oktober 2017 und im Mai 2018 sind bei der Aktualisierung (…) einer Anwendung erhebliche Probleme aufgetreten, die zu einem teilweisen IT-Ausfall in den niedersächsischen Finanzämtern führten“.

Da drückt also der Schuh, die Linux-Variante der „grundsätzlich plattformunabhängig“ entwickelten Fachanwendungen liefen einfach nicht stabil unter Linux, sondern legten die Finanzämter lahm. Die anderen Bundesländer, die Windows benutzen, waren „von den oben beschriebenen Ausfällen nicht oder nicht in dem Maße betroffen“. Mit Windows wäre das also nicht passiert.

In der freien Wirtschaft hätte eine Firma, die die Entwicklung einer plattformunabhängigen Anwendung beauftragt und bezahlt, Nachbesserung verlangt, wenn einzig die Windows-Variante stabil funktioniert – und Schadensersatz für den von der instabilen Linux-Variante verursachten Arbeitsausfall. Es ist auch keine utopische Forderung: Firefox, Thunderbird, Chrome, Opera, OpenOffice, LibreOffice, Gimp und viele andere Programme beweisen, dass man hoch komplexe Anwendungen sehr wohl stabil für mehrere Plattformen entwickeln kann.

Migration statt Nachbesserung

Doch anstatt wie in der freien Wirtschaft üblich Nachbesserungen zu verlangen – und falls die ebenfalls nicht funktionieren, den Dienstleister in Regress zu nehmen und einen kompetenteren zu beauftragen –, beschließt die niedersächsische Landesregierung lieber, die gesamte Finanzverwaltung auf Windows umzustellen.

Das liegt daran, dass weder Auftraggeber noch Dienstleister Wirtschaftsunternehmen sind. Bei Dataport handelt es sich um eine Anstalt öffentlichen Rechts der Bundesländer Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein. Die Bundesländer unterhalten also einen eigenen Dienstleister – dem es offenkundig am nötigen Linux-Know-how fehlt. Einen anderen Dienstleister zu beauftragen kommt für das Finanzministerium auch nicht infrage: Man „beabsichtigt (…) nicht, Leistungen am Markt einzukaufen“. Stattdessen werden Abermillionen für die Windows-Migration ausgegeben. (mid@ct.de)

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