c't 3/2018
S. 84
Test
Smartwatches
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Smartwatches für jeden Anlass

Smartwatches sind mehr als Ergänzungen zum Smartphone. Etliche Uhren sind auf spezielle Anwendungsfälle zugeschnitten, zum Beispiel Fitness. Manchmal machen sie sogar ohne Telefon eine gute Figur.

Ein leichtes Vibrieren am Handgelenk kündigt die gerade eingetroffene Nachricht an. Um sie zu lesen, reicht ein flüchtiger Blick auf die Uhr, das Handy kann in der Tasche bleiben: Aktuelle Smartwatches fungieren überwiegend als Verlängerung des Smartphone-Displays. Wer die passenden Apps installiert, nutzt sie aber auch komfortabel zum Navigieren, Musikhören oder als Sport-Tracker. Der Trend geht dahin, die schlauen Uhren schärfer auf spezifische Anwendungen zuzuschneiden. Wir haben sieben Testkandidaten von namhaften Herstellern in die Redaktion geholt und getestet, welche Smartwatch sich für welchen Zweck am besten eignet.

Die Gear Sport von Samsung und die Ionic von Fitbit sind konsequent auf Fitness getrimmt. Die Access Grayson von Michael Kors, die Explorist Q von Fossil und die Connected 45 Modular von Tag Heuer sind eher für den eleganten Auftritt gedacht. Casio punktet mit der WSD-F20 bei Outdoor-Aktivitäten, während Apple mit der Apple Watch 3 einen Allrounder beisteuert.

Das am häufigsten anzutreffende Smartwatch-Betriebssystem ist das frei verfügbare Android Wear. Denn damit sind viele traditionelle Uhrenhersteller, die sonst mit IT-Technik wenig zu tun haben, in der Lage, funktionsreiche und zudem schicke Smartwatches herzustellen. Aber auch andere Smartwatch-Betriebssysteme buhlen um den Platz am Handgelenk: Samsung installiert bei den Gear-S-Uhren das eigene Betriebssystem Tizen, von dessen Funktionsumfang und Look and Feel sich Google eine Scheibe abschneiden kann. Fitbit betritt mit der Ionic erstmalig das Smartwatch-Parkett und setzt auch auf ein eigenes Betriebssystem. Das Know-how hatte sich Fitbit vor rund einem Jahr durch die Übernahme von Pebble eingekauft. Doch bislang hat die Uhr den Anschluss zu Apple, Google und Samsung noch nicht geschafft. Apple nutzt bei seiner Uhr das eigens entwickelte WatchOS.

Feste Bindung

Alle Smartwatches im Test werden bei der Einrichtung über Bluetooth mit dem Smartphone gekoppelt. Für den Datenaustausch mit der Uhr muss auf dem Smartphone eine Companion-App installiert werden. Da iOS installierten Apps weniger Berechtigungen einräumt als Android, bleibt der Funktionsumfang der Android- und Tizen-Uhren an iPhones aber etwas zurück. Wer am iPhone den vollen Funktionsumfang wünscht, muss zur Apple Watch greifen. Der umgekehrte Weg, sie mit einem Android-Smartphone zu benutzen, funktioniert jedoch nicht.

Die meisten Uhren des Tests müssen nicht ständig am Bluetooth-Nabel des Smartphones hängen, da sie auch über WLAN-Antennen kommunizieren können. Die Apple Watch gibt es gegen Aufpreis auch mit einem LTE-Modem. Nach dem Pairing mit dem Smartphone kommt sie ohne Handy aus und erlaubt sogar Telefonate.

Die Apple Watch, Samsungs Gear Sport und die Fitbit Ionic haben einen optischen Pulssensor.

Viele Funktionen hat man auf unseren Testkandidaten per Touch-Gesten im Griff. Die Fitbit Ionic bietet einige auch über Druckknöpfe an. Dieses Konzept setzt Samsung gelungener um und spendiert der Gear Sport zudem eine drehbare Lünette. Android hat hier erst seit Wear 2.0 aufgeholt. Die nun unterstützten Druckknöpfe finden sich bei den Uhren von Casio, Fossil und Michael Kors.

Am bequemsten lassen sich die Uhren aber per Sprache steuern. In den Anfangstagen verstand sich Android Wear nur auf die wichtigsten Sprachkommandos, beispielsweise um SMS- oder WhatsApp-Nachrichten zu diktieren. Doch mittlerweile steht der Google Assistant zur Verfügung. Mit ihm muss man das Smartphone nur noch in den seltensten Fällen aus der Tasche ziehen. Die Fragen nach Wegbeschreibungen oder wie lange der Supermarkt um Ecke noch geöffnet hat, beantworten die getesteten Uhren mit Android Wear nun souverän auf Zuruf.

Apple und Samsung verfolgen mit Siri beziehungsweise S Voice ähnliche Ansätze. Die eigentliche Spracherkennung funktionierte in unseren Tests auf der Apple Watch und der Gear Sport ähnlich gut wie bei Android Wear. Doch an den Funktionsumfang des Google Assistant und dessen Knowledge Graph kam insbesondere Samsungs Sprachassistent nicht heran.

Fitbit bleibt in der Tradition von Pebble und hält die Ionic minimalistisch. Einen Sprachassistenten sucht man hier vergebens. Damit könnten viele Nutzer eventuell leben, wenn wenigstens einfache Kommandos wie eine Musiksteuerung beim Workout oder beim Joggen zur Verfügung stünden. Doch sie muss beim Thema Sprachsteuerung komplett passen, da es ihr schlicht an einem Mikrofon fehlt.

Es werde Licht

Für die Displays kommen mittlerweile meist OLEDs zum Einsatz. Zu ihren Vorteilen zählen eine sehr satte Farbdarstellung, ein hoher Kontrast und vor allem eine geringe Leistungsaufnahme. Ihre selbstleuchtenden Pixel machen die bei LCDs nötige LED-Hintergrundbeleuchtung überflüssig. Je mehr dunkle Elemente das virtuelle Zifferblatt enthält, desto geringer ist auf OLEDs der Stromverbrauch. Android Wear macht sich das mit speziellen Standby-Zifferblättern zunutze: Sobald das Betriebssystem anhand der Lagesensoren erkennt, dass man die Uhr nicht aktiv nutzt, schaltet es die Anzeige in einen reduzierten Modus mit viel Schwarz, weil Schwarz keinen Strom verbraucht. Diese Darstellung nagt somit weniger an der Laufzeit als ein schön ausgestaltetes digitales Zifferblatt. Unter Android Wear ist es so problemlos möglich, das Display dauerhaft aktiv zu lassen. Nur wer an besonders langen Tagen sicherstellen will, dass die Uhr wirklich bis zum Schluss durchhält, schaltet die automatische Display-Abschaltung ein.

Die WSD-F20 von Casio nutzt als einziges Gerät im Test ein klassisches LC-Display. Die Entwickler haben sich für die Outdoor-Uhr etwas Besonderes einfallen lassen: Die Android-Oberfläche stellt sie auf einem herkömmlichen runden LCD in Farbe und mit einer Auflösung von 320 × 300 Pixeln dar. Darüber befindet sich in Sandwich-Bauweise ein transparentes monochromes Segment-LCD, wie man es von günstigen Taschenrechnern kennt. Es zeigt die Uhrzeit und das Datum an, sobald sich das darunterliegende Smartwatch-Display ausschaltet. Der Clou daran: Die Uhrzeit lässt sich jederzeit und selbst unter grellem Sonnenlicht gut ablesen, ohne dass man die Smartwatch dafür per Armdrehung oder Fingertipp aufwecken muss. Zudem benötigt das Segment-LCD viel weniger Energie. Wer die smarten Funktionen selten nutzt, kommt leicht auf eine Laufzeit von zwei Tagen. Optional lässt sich die WSD-F20 auch in einen reinen Uhr-Modus schalten, der Android Wear herunterfährt und nur auf dem Segment-Display die Zeit anzeigt. So hält der Akku sogar mehrere Wochen durch.

Obgleich die Chips aller Smartwatches auf eine geringe Leistungsaufnahme getrimmt sind, geht ihnen nach spätestens vier Tagen der Saft aus – falls man sie nachts nicht ausschaltet, meist noch früher. Wer böse Überraschungen vermeiden will, lädt die Uhren deshalb zusammen mit dem Smartphone über Nacht auf. Hierfür setzen die Hersteller auf unterschiedliche Konzepte: Casio und Fitbit legen USB-Kabel mit proprietären Steckern bei. Die übrigen Modelle kommen mit Ladeschalen oder -plättchen. Bei Apple und Fossil fallen diese erfreulich klein aus. Tag Heuers Ladeschale hat den gleichen Durchmesser wie die Uhr selbst. Der Gear Sport liegt hingegen eine recht klobige Halbschale bei, die man nicht mal eben für Notfälle in der Hosentasche mitnehmen möchte. Einen simplen Micro-USB-Anschluss hat keine unserer Testkandidaten. Sollte das originale Ladezubehör verloren oder kaputt gehen, wird es also teuer.

Fazit

Tabelle
Tabelle: Smartwatches

Die Smartwatches der dritten Generation haben viele Kinderkrankheiten wie schlecht ablesbare Displays oder einen geringen Funktionsumfang weitestgehend hinter sich gelassen und machen als Ergänzung zum Smartphone einen ordentlichen Eindruck.

Die Wahl des passenden Modells richtet sich vorrangig nach dem eigenen Smartphone: Besitzer eines iPhone bekommen nur bei der Apple Watch den vollen Funktionsumfang. Wer ein Android-Smartphone nutzt, kann die Apple Watch gar nicht verwenden. Einen sehr großen Funktionsumfang bietet hier naturgemäß Android Wear. Bei den damit ausgestatteten Uhren kann man sich vom Preis und vom gewünschten Einsatzzweck leiten lassen. Für Outdoor-Freaks ist die Casio WSD-F20 die beste Option. Die Modelle von Fossil und Michael Kors richten sich weniger an Sportler, sondern eher an Nutzer, die eine möglichst klassisch aussehende Uhr suchen. Technisch unterscheiden sie sich nicht. Die Tag Heuer Connected Modular 45 geht in die gleiche Richtung, ist zusätzlich aber auch ein Fashion-Statement – zu einem gehörigen Aufpreis.

Für ambitionierte Sportler ist die Fitbit Ionic mit ihren diversen Körpersensoren und der sehr auf Fitnesstracking optimierten App die erste Wahl. Bei den Smartwatch-Funktionen bildet sie derzeit aber noch das Schlusslicht. Wer beides wünscht, sollte deshalb einen Blick auf Samsungs Gear Sport werfen. (spo@ct.de)

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