c't 5/2018
S. 48
Kurztest
PC sendet per Mittelwelle

PC sendet Mittelwelle

Die freie Software System Bus Radio verwandelt einen PC in einen Mittelwellensender – per JavaScript im Browser, ohne weitere Hardware.

Aufmacherbild

System Bus Radio demonstriert eine Sicherheitslücke, die Hacker nutzen könnten, um Daten aus einem PC völlig ohne Netzwerkverbindungen abzugreifen. Dabei geht es um elektromagnetische Abstrahlungen, welche ein PC oder ein Notebook ohne zusätzliche Hardware erzeugt, also nur durch Software. Im Prinzip lässt sich damit der isolierende Luftspalt (Air Gap) überbrücken, der einen PC von allen sonstigen Kommunikationskanälen abschottet. System Bus Radio zeigt aber auch, dass ein solcher Lauschangriff nur über Distanzen von wenigen Dutzend Zentimetern funktioniert und außerdem voraussetzt, dass die zum Angriff verwendete Software zuvor auf den PC gebracht wurde.

Wer es selbst ausprobieren möchte, braucht ein Radio mit Mittelwellenempfang (AM), das man auf 1566 Kilohertz (kHz) abstimmt. Dann stellt man das Radio sehr dicht neben das Gehäuse des PCs oder Notebooks. Schließlich ruft man im Browser die JavaScript-Version von System Bus Radio auf, siehe ct.de/yq4m. Drückt man den Startknopf, hört man mit etwas Glück im Radio das Kinderlied Mary had a little Lamb.

Bei Desktop-Rechnern mit Metallgehäuse klappt der Empfang oft nur bei abgenommenem Seitendeckel und in der Nähe der Speichermodule. Je nach System, Browser und Konfiguration schwanken Signalstärke und Sendefrequenz. Wer nichts hört, sollte zunächst benachbarte Frequenzen im Bereich zwischen etwa 1400 bis 1600 kHz ausprobieren. Außerdem kommt es auf die Ausrichtung des Radios an: Für Mittelwelle verwenden die Empfänger oft eingebaute Ferrit-Antennen, die eine ausgeprägte Richtwirkung haben. Die Lage und Orientierung dieser Antenne ist nur bei wenigen Radios und Kurzwellenempfängern außen am Gehäuse markiert. An manchen stationären AM-Tuner kann man über zwei Klemmen eine externe Rahmenantenne anschließen, die man nahe an den Sende-PC bringt.

Der Entwickler William Entriken von System Bus Radio pflegt auf GitHub eine Liste mit PCs, die erfolgreich sendeten. Im c’t-Labor funktionierte es mit zwei verschiedenen Desktop-PCs, einem Mini-PC und einem Notebook; Videos dazu finden Sie über ct.de/yq4m.

System Bus Radio erzeugt die Mittelwellensignale, indem der Prozessor mit dem SSE2-Befehl _mm_stream_si128 im passenden Rhythmus Daten ins RAM schreibt. Ähnliche Lauschangriffe gab es etwa schon mit UKW-(FM-)Signalen, die Monitorkabel abstrahlen können. System Bus Radio ist eine faszinierende Spielerei, die verdeutlicht, weshalb hochsichere PCs in abgeschirmten Räumen stehen, damit sie keine Informationen auf überraschenden Seitenkanälen preisgeben. (ciw@ct.de)

Tabelle
Tabelle: System Bus Radio

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