c't 8/2018
S. 20
News
Datenschutz

Problemfall Facebook

Eine Datenanalysefirma stellt Facebook bloß

Facebook sammelt so viele Daten über seine Nutzer, wie nur irgend möglich. Die sollen Werbekunden helfen. Die britische Firma Cambridge Analytica hat diese Informationen einem Whistleblower zufolge für Donald Trumps Wahlkampf genutzt – und dabei Vorgaben von Facebook verletzt. Nun diskutieren sogar die USA über Datenschutz.

Facebook hat einen neuen Datenschutzskandal, der anders als so oft weniger in Deutschland als in den bei diesem Thema sonst eher gleichgültigen USA und Großbritannien heftig diskutiert wird. Für das soziale Netzwerk, das schon so viele Debatten überstanden hat, könnte es diesmal ernst werden. Hintergrund sind Berichte über die Datenanalysefirma Cambridge Analytica, die vor allem wegen ihrer angeblichen Einflussnahme auf die jüngste US-Präsidentschaftswahl schon mehrmals in den Blickpunkt der Öffentlichkeit geraten war.

Ein Insider erzählt

Nun ist ein ehemaliger Mitarbeiter von Cambridge Analytica an die Öffentlichkeit gegangen: Der Whistleblower Christopher Wylie behauptet, dass die Firma mit Hilfe illegal beschaffter Nutzerdaten von Facebook Einfluss auf die Wahl Donald Trumps, das britische Brexit-Referendum und andere Abstimmungen in aller Welt genommen hat. Cambridge Analytica hatte versprochen, in den Nutzerprofilen Zusammenhänge zwischen persönlichen Vorlieben und politischen Präferenzen erkennen zu können. Das hätte jene zielgerichtete Wahlwerbung erlaubt, die als ein Faktor für Trumps überraschenden Wahlsieg vorgebracht wird.

Im Interview mit CNN entschuldigte sich Facebook-Chef Mark Zuckerberg: Es liege in Facebooks Verantwortung, die Daten der Nutzer zu schützen. CNN Money

Nach Aussagen von Wylie ist Cambridge Analytica auf unzulässigen Wegen an 50 Millionen Facebook-Nutzerprofile gekommen. Ein Psychologe namens Aleksandr Kogan hatte eine App für Facebook veröffentlicht, in der Nutzer verschiedene Fragen beantworten sollten. Gleichzeitig griff die Anwendung aber viele Informationen über die Nutzer ab. Darüber hinaus war es ihr möglich, auch die Daten der Facebook-Freunde der App-Nutzer an ihren Entwickler zu schicken. Die 270.000 Nutzer der App namens „thisisyourdigitallife“ ermöglichten es ihr also, im Schnitt noch jeweils 190 Freunde auszuspionieren.

Facebook wurde auf diesen massiven Datenzugriff aufmerksam, erklärte Wylie gegenüber dem Guardian. Weil Kogan aber versicherte, dass die Daten für wissenschaftliche Zwecke verwendet würden, habe das soziale Netzwerk ihn gewähren lassen. Erst als die Daten später zur kommerziellen Nutzung an Cambridge Analytica weitergegeben wurden, habe Facebook reagiert und ihre Löschung verlangt. Ob dem aber nachgekommen wurde, habe Facebook nie überprüft.

Allein das könnte Facebook sehr teuer zu stehen kommen, denn diese nicht von den Nutzern genehmigte Verwendung der Nutzerdaten dürfte laut Experten gegen eine Abmachung verstoßen, die das Netzwerk 2011 mit der US-Handelsaufsicht FTC ausgehandelt hatte. Für jeden Fall einer solchen unrechtmäßigen Verwendung kann sie eine Maximalstrafe von 40.000 US-Dollar verhängen, insgesamt wären das bei 50 Millionen potenziell betroffenen Nutzern 2 Billionen US-Dollar. Während eine derart hohe Strafe aber unwahrscheinlich erscheint, hat der Skandal dem Unternehmen schon finanziell geschadet – durch den Absturz der Facebook-Aktie.

Intensive Debatte

Die zumeist im Verborgenen agierende Firma Cambridge Analytica dürfte durch die Enthüllungen schweren Schaden nehmen, nicht zuletzt durch Aufnahmen, die britische Investigativ-Reporter mit versteckter Kamera gemacht hatten. Darin offeriert der damalige Geschäftsführer der Firma, Alexander Nix, einem potenziellen Wahlkampf-Kunden unmoralische oder schlicht illegale Praktiken. Nix wurde wegen dieser Aussagen suspendiert. In Großbritannien hat die Datenschutzaufsicht eine Überprüfung der Firma angeordnet. Außerdem will Facebook untersuchen lassen, ob die abgegriffenen Nutzerdaten, wie vom Whistleblower behauptet, nicht komplett gelöscht wurden.

Facebook hat dagegen eine neue Debatte am Hals, die sich diesmal auch allgemein um das Geschäftsmodell dreht. Denn letztlich unterstreicht der Fall ja vor allem die Probleme, die die grundsätzliche Funktionsweise von Facebook mit sich bringt. Außer Google hat sicher kein anderes Unternehmen so viele Daten über Menschen in aller Welt gesammelt. Das erlaubt jene zielgerichtete Werbung, die Facebooks Kunden lieben und die den Umsatz in den vergangenen Jahren in ungeahnte Höhen katapultiert hat. Das Dilemma für Facebook: Wenn das Unternehmen die Werkzeuge infolge der Debatte beschneidet, wirkt sich das mutmaßlich immens auf das Geschäft aus. Gleichzeitig diskutieren Politiker immer lauter darüber, ob für Facebook nicht schärfere Regeln gelten sollten, die den Einfluss des Netzwerks anerkennen und mehr Kontrolle ermöglichen. Auch wenn das einige Zeit in Anspruch nehmen könnte, dürften allein die Debatten die Geschäfte des Portals nicht unberührt lassen.

Darüber hinaus ist es aber sicher, dass unzählige Apps in ähnlicher Weise Nutzerdaten gesammelt haben, bis Facebook zumindest den App-Zugriff auf die Daten von Freunden gesperrt hat. Was mit diesen Datenmengen alles angestellt wurde und wird, lässt sich noch gar nicht abschätzen. Facebook will das nun überprüfen. Cambridge Analytica jedenfalls könnte nur die Spitze des Eisbergs sein. (mho@ct.de)

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