c't 3/2019
S. 188
Story
Neues von den Schwestern
Aufmacherbild
Illustration: Jan Bintakies, Hannover

Neues von den Schwestern

Wie ein Bühnenvorhang zerreißt die Schwärze, als Doris wieder zu sich kommt. Das Licht ist schmerzhaft hell, selbst durch ihre geschlossenen Lider hindurch. Deshalb dreht sie den Kopf zur Seite, bevor sie vorsichtig ihre Augen öffnet. Doch wo ist sie? Das ist nicht ihr Schlafzimmer. Sie kennt den muffigen gekachelten Raum nicht, von dessen Decke die blendende Lampe herabhängt. Aber sie erkennt die beiden Männer, die sichtlich zufrieden neben der harten Pritsche stehen, auf der sie liegt: Es sind Professor Goldmann, der ehemalige Chefarzt der Odenwaldklinik, und sein nicht minder krimineller Bruder.

Unwillkürlich versucht Doris, von den Männern wegzurücken. Doch sie kann sich nicht bewegen – sie ist an Armen, Beinen und Hüfte fixiert. Genau wie vor nunmehr fast 20 Jahren, als sie und ihre Zwillingsschwester Bianca wieder und wieder zu vorgeblichen Spezialbehandlungen in den berüchtigten Turm gebracht wurden. So wie alle Bewohner der Odenwaldklinik, die nach außen ein renommiertes Sanatorium für reiche psychisch gestörte Patienten war. Bis Doris und Bianca mit Hilfe eines Zivildienstleistenden die wahren Vorgänge hinter den Mauern der alten Villa an die Öffentlichkeit und so die Goldmann-Brüder für viele Jahre hinter Gitter bringen konnten. Doch nun stehen beide wieder vor ihr. Ihre Albträume sind wahr geworden, sie ist ihren früheren Peinigern wieder schutzlos ausgeliefert.

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