c't 1/2019
S. 26
News
Kollateralschäden des Bitcoin-Cash-Kriegs
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Lauter Verlierer

Wie ein Streithammel alle Kryptowährungen abstürzen ließ

Wenn zwei sich streiten, verlieren alle. Das ist die Lehre des Kriegs um Bitcoin Cash. Die Auswirkungen betrafen alle Kryptowährungen, sogar der Bitcoin-Kurs halbierte sich binnen eines Monats.

Noch vor einem Jahr knallten die Champagnerkorken: Aus Bitcoin-Millionären waren Milliardäre geworden, der Höhenflug von Kryptowährungen schien sich unendlich fortzusetzen. Heute könnte man die Flaschen mit den Tränen derer füllen, die zu Hochzeiten in Kryptowährungen investierten und nun bis zu 90 Prozent ihres Vermögens verloren haben.

Die Kursabstürze der Kryptowährungen seit Weihnachten 2017 hatten viele Gründe – einer davon hört auf den Namen Craig Wright, obwohl er viel lieber Satoshi Nakamoto genannt werden würde. Mit dem von ihm entfachten Krieg um Bitcoin Cash hat er nicht nur den ersten Bitcoin-Fork in den Abgrund gerissen, sondern das Vertrauen in Kryptowährungen allgemein zerstört: Als der Krieg begann, gingen die Kurse aller Kryptowährungen auf Talfahrt.

Faketoshi

Am Anfang stand ein für Mitte November 2018 geplanter Hard Fork von Bitcoin Cash, bei dem die federführenden Entwickler von Bitcoin-ABC neue Befehle (OP-Codes) zur Nutzung externer Smart Contracts einführen wollten.

Doch Craig Wright, der Chef-Entwickler des Blockchain-Unternehmens nChain, war mit dieser Idee überhaupt nicht einverstanden. Wright hatte bereits im Jahr 2016 öffentlich behauptet, der geheimnisvolle Erfinder von Bitcoin gewesen zu sein – Beweise blieb er allerdings schuldig, weshalb er sich den Spitznamen „Faketoshi“ einhandelte. Dennoch reklamierte Wright das Erbe Satoshis für sich und machte einen Gegenvorschlag, der seiner Ansicht Satoshis Vision („Satoshi’s Vision“, kurz SV) bedeuten näherkommt. Dazu zählte die Anhebung der Blockgröße auf bis zu 128 MByte und die Wiedereinführung von OP-Codes, die vor einigen Jahren gestrichen worden waren.

Wright wollte seinen Vorschlag für Bitcoin SV auf Biegen und Brechen durchsetzen. Dazu spielte er sich nicht nur erneut als Erfinder des Bitcoin auf, sondern ritt auch mehrere persönliche Attacken gegen bekannte Vertreter des Bitcoin-ABC-Vorschlags. Außerdem organisierte er sich Unterstützung durch mehrere große Miner. Denn die Entscheidung, wie sich Bitcoin und andere Kryptowährungen entwickeln, liegt in die Hand der Miner-Betreiber. Sie sind es, die das Protokoll auswählen, nach dem ihre Miner arbeiten.

Normalerweise genügt ein Anteil von über 50 Prozent der Mining-Leistung, um die Richtung vorzugeben: Bei Blockchains mit Proof-of-Work-Algorithmus gilt stets jener Zweig, in dem mehr Arbeit steckt. Das ist streng genommen nicht gleichbedeutend mit der Anzahl der Blöcke, die eine Blockchain besitzt – in der Praxis kann man aber davon ausgehen, dass ein um mehrere Blöcke längerer Zweig auch mehr Arbeit gekostet hat als ein kürzerer. Die Arbeit, die in den kürzeren Zweig investiert wurde, ist vergeudet, weil dieser von den Nodes nicht weiterverbreitet und von den Bitcoin-Clients als veraltet abgelehnt wird.

Bei einem Hard Fork gelten jedoch buchstäblich andere Spielregeln. Die Besonderheit von Hard Forks ist, dass die nach dem neuen Protokoll erzeugten Blöcke inkompatibel zum bisher geltenden Protokoll sind, also von Nodes und Clients mit älterer Software als ungültig verworfen werden – etwa weil sie die bisherige Maximalgröße übersteigen oder neuartige Befehle enthalten. Bleiben die neuen Blöcke trotz der Änderungen kompatibel zu älteren Nodes und Clients, spricht man hingegen von einem Soft Fork.

Bei einem Hard Fork konkurriert man also nicht mit anderen Minern, die ihn nicht unterstützen – denn diese verlängern weiterhin die Blockchain mit dem bisherigen Regelsatz. Sobald der erste Block nach den neuen Regeln berechnet wurde, ist der Hard Fork geglückt und die neue Blockchain wird nur noch von Minern und Nodes fortgesetzt, die nach den neuen Regeln arbeiten. Es genügt also theoretisch ein einzelner Miner, um einen Hard Fork durchzuführen. Insofern musste Wright gar nicht mehr als 50 Prozent der Miner hinter sich versammeln, um seine Vision des Bitcoin in die Realität umzusetzen.

Doch Wright hatte etwas anderes im Sinn, er wollte Bitcoin Cash beerben. Setzen Miner die Blockchain nach den bislang gültigen Regeln einer Kryptowährung fort, obwohl es einen Hard Fork gab, bleibt die alte Kryptowährung bestehen – die Blockchain mit den Blöcken nach den neuen Regeln bildet eine neue Kryptowährung. Deshalb existiert die Kryptowährung Bitcoin trotz des Hard Forks im August 2017 weiter. Die Blockchain mit den Blöcken gemäß der Regeln des Hard Forks bekam den Namen Bitcoin Cash.

Schmutzige Tricks

Theoretisch erzeugt jeder Hard Fork eine neue Kryptowährung. Als es bei Bitcoin Cash im November 2017 zu einem weiteren Hard Fork kam, wechselten binnen weniger Stunden alle Miner auf das neue Protokoll – die Blockchain nach dem ersten Bitcoin-Cash-Protokoll wurde nicht mehr fortgesetzt. So entstand durch den Hard Fork im November 2017 zwar formal eine neue Kryptowährung, da die alte jedoch unmittelbar abstarb, übernahm man einfach den Namen der alten für die neue.

Das war es, was Craig Wright mit seiner Vision von Bitcoin ebenfalls erreichen wollte. Dafür musste er so viele Miner wie möglich auf seinen Hard Fork einschwören, damit niemand den bisherigen Bitcoin Cash fortführt – und erst recht nicht den konkurrierenden Hard Fork der Bitcoin-ABC-Entwickler unterstützt. Doch das Bitcoin-ABC-Lager hatte ebenfalls Unterstützer gewonnen, insbesondere den Bitcoin-Miner-Hersteller Bitmain sowie Roger Ver, Eigentümer von Bitcoin.com und ebenfalls Betreiber eines Mining-Pools.

Wright musste also davon ausgehen, dass der Hard Fork von Bitcoin ABC eine nennenswerte Verbreitung erfährt und möglicherweise sogar den Namen Bitcoin Cash weiterführt. Anstatt wie sonst üblich in friedlicher Koexistenz abzuwarten, wie sich die Miner und die Handelsplattformen langfristig entscheiden, griff Wright in die Kiste der schmutzigen Tricks: Er verkündete öffentlich, Bitcoin ABC angreifen und den Handel mit Bitcoin Cash überJahre blockieren zu wollen: „If you want a war … I will do 2 years of no trade. Nothing. In the war, no coin can trade.“

Die Drohung war durchaus ernst zu nehmen: Wright kontrollierte in den Wochen vor dem Hard Fork knapp 60 Prozent der Hash-Leistung von Bitcoin-Cash. Um seinen Hard Fork durchzuführen, würde er nur wenige Miner benötigen – mit dem Rest könnte er Bitcoin ABC bekämpfen. Und genau das tat Wright.

Als am 15. November 2018 nach Block Nummer 556766 sowohl Bitcoin ABC als auch Bitcoin SV ihren Hard Fork durchführten, fluteten Unbekannte den Bitcoin-ABC-Mempool, in dem anstehende Transaktionen für die Miner gesammelt werden, mit unzähligen Spam-Transaktionen. Dabei wurden Kleinstbeträge zwischen den immer gleichen Adressen hin und her überwiesen, mehrere hundertmal pro Adresse. Auf diese Weise sollte das ABC-Netzwerk überlastet werden, um dafür zu sorgen, dass echte Transaktionen nicht mehr oder deutlich langsamer verarbeitet werden.

Gleichzeitig versuchten die Miner des SV-Lagers, leere oder mit nur einzelnen Transaktionen gefüllte Blöcke für die konkurrierende ABC-Blockchain zu erzeugen. Ziel war es, mit der vermeintlich übermächtigen Hash-Leistung der unter Wrights Kontrolle stehenden Miner die ABC-Blockchain zu übernehmen. Denn jeder leere oder fast leere Block bedeutet, dass tausende Transaktionen weitere zehn Minuten auf eine neue Chance warten müssen, in den nächsten Block aufgenommen zu werden.

Schlimmer noch: Die Miner des SV-Lagers arbeiteten gezielt an einer Kette leerer Blöcke und wollten so Blöcke des ABC-Lagers, die echte Transaktionen enthielten, fortlaufend absterben lassen. Auf diese Weise wollte Wright wie angekündigt den Handel auf der ABC-Blockchain unterbinden.

Doch das ABC-Lager hatte vorgesorgt. Einmal soll Hersteller Bitmain eine Farm mit 90.000 AntMinern eigens dafür abgestellt haben, Bitcoin ABC zu unterstützten. Außerdem betreibt Bitcoin.com auch Bitcoin-Miner. Da die Algorithmen von Bitcoin und Bitcoin Cash die gleichen sind, konnte Roger Ver kurzfristig die Bitcoin-Miner an der ABC-Blockchain mitarbeiten lassen. So aktivierten Bitmain und Bitcoin.com kurz nach dem Fork so viel zusätzliche Hash-Leistung, dass Craig Wright nicht mehr die Mehrheit hatte und seine Angriffe einstellen musste. Bitcoin ABC überlebte und trat die Nachfolge des bisherigen Bitcoin Cash an – was Wright maßlos ärgert.

Keine Gewinner

Am Ende gibt es nur Verlierer: Wright steht nicht nur als Maulheld da, der Kurs seiner Kryptowährung Bitcoin SV ist außerdem grandios abgestürzt: von über 500 US-Dollar, die Bitcoin Cash kurz vor dem Fork wert war, auf rund 80 US-Dollar. Bitcoin ABC erging es kaum besser, auch hier stürzte der Kurs auf unter 100 US-Dollar ab.

Der in aller Öffentlichkeit geführte Krieg scheint außerdem Investoren allgemein verschreckt zu haben – es kam bei praktisch allen Kryptowährungen zu drastischen Kursverlusten. Selbst der Bitcoin-Kurs halbierte sich innerhalb nur eines Monats von gut 6300 US-Dollar kurz vor dem Krieg auf rund 3000 US-Dollar. Das wiederum zwang etliche Miner dazu, den Betrieb einzustellen, weil sie nicht länger kostendeckend arbeiten können. Und Wright hat noch nicht aufgegeben. Er führt Bitcoin SV weiter, in der Hoffnung, dass seine Blockchain irgendwann mehr Arbeitsleistung enthält als die von Bitcoin ABC und so doch noch die Nachfolge von Bitcoin Cash antritt. (mid@ct.de)

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