c't 12/2019
S. 47
News
Twitter, Facebook

Blockadewelle bei Twitter

Wer seinen inkriminierten Tweet löscht, erhält den Account-Zugriff sofort zurück.

Seit Anfang Mai hat Twitter Dutzenden deutschen Nutzern zeitweise die Schreibberechtigung entzogen. Die Fälle sorgen für Aufsehen, weil der Dienst die Sperren mit angeblichen Manipulationsversuchen vor der Europawahl am 26. Mai begründet. Ein Beispiel: c’t-Redakteur und Grünen-Kommunalpolitiker Urs Mansmann hatte am 6. Mai getwittert: „Wenn ihr eure Stimmen einer Satirepartei geben wollt, dann vertraut euer Geld doch bitte auch einer Satirebank an.“ Daraufhin bekam er den Zugriff auf seinen Account entzogen. Nach Einspruch erhielt er ihn tags darauf zurück.

Entgegen anderslautenden Meldungen hat die Blockadeschwemme nichts mit dem deutschen Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) zu tun. Die Ursache ist vielmehr eine neue Meldefunktion gegen Desinformation vor der Europawahl, die Twitter am 29. April freigeschaltet hat. Gemeldet werden kann etwa, wenn falsche Informationen zum Termin oder zum Vorgang der Wahl in Tweets auftauchen. Die Meldefunktion hat Twitter auf Druck der EU-Kommission implementiert.

Weil einige Prominente und der Account der Zeitung „Jüdische Allgemeine“ betroffen waren, schlugen die Sperrungen hohe Wellen. Am 15. Mai lud der Digitalausschuss des Bundestags unter dem Tagesordnungspunkt „Zensurvorfälle bei Twitter“ sogar Nina Morschhäuser ein, die Public-Policy-Beauftragte von Twitter Deutschland. Morschhäuser trat dem Gerücht entgegen, es handle sich um automatisierte Sperrungen. Die Entscheidung treffe immer ein Mensch, allerdings nicht in Deutschland, sondern in einem der Beschwerdezentren irgendwo auf der Welt. Mangels Sprachkenntnissen würden diese Mitarbeiter Fehler machen. Sie sollen nun nachgeschult werden. Berichten von Ausschussmitgliedern zufolge betonte Morschhäuser, dass auch Desinformation, die als Satire etwa mit Zwinkersmiley versehen daherkommt, gegen die Nutzungsbedingungen verstoßen kann. (hob@ct.de)

Facebook gegen Livestream-Missbrauch

Rund zwei Monate nach dem 17-minütigen Facebook-Livestream des Angriffs auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch hat die Plattform schärfere Regeln angekündigt. Nutzer sollen nach einer schwerwiegenden Regelverletzung „eine bestimmte Zeit lang“ keine Live-Videos übertragen dürfen. Als Beispiel nannte Facebook die Weiterleitung eines Links zu einer Mitteilung einer Terrorgruppe. Als ein Beispielzeitraum für eine Sperrung wurden 30 Tage angegeben. Außerdem sei geplant, dass von der Live-Plattform ausgeschlossene Nutzer auch keine Anzeigen mehr schalten können.

Am 16. Mai – einen Tag nach der Ankündigung Facebooks – haben in Paris mehrere Regierungen und Konzerne den „Christchurch Call“ unterzeichnet, eine unverbindliche Erklärung zum Kampf gegen Extremismus im Netz. Demnach sollen „transparente, spezifische“ Maßnahmen Uploads und Verbreitung extremistischer Inhalte verhindern, spezielles Augenmerk gilt dabei Livestreams. Algorithmen und andere Verfahren, die User zu den Inhalten leiten oder zu deren Verbreitung anstiften, sollen untersucht werden. Unterzeichner des Christchurch Call sind neben den Unternehmen Amazon, Daily Motion, Facebook, Google, Microsoft, Qwant und Twitter auch die EU sowie beispielsweise die Staaten Deutschland und Frankreich, nicht aber die USA. (hob@ct.de)

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