c't 21/2019
S. 20
Know-how
KI zum Anfassen: Folgen der KI
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KI zum Anfassen

Machine Learning: Maßlos übertrieben, aufs fahrlässigste unterschätzt

KI wird Wirtschaft, Berufswelt und Gesellschaft einschneidend verändern. Allerdings verzerren gefühlte Wahrheiten und Ängste die öffentliche Diskussion. Zeit für einen Realitätscheck.

Künstliche Intelligenz kann heute Gesichter erkennen, Vorlieben herausfiltern und sogar selbstständig einparken. Da sollte es ein leichtes sein, zwischen Original und Parodie zu unterscheiden.“ – Der Tweet ist eines von vielen Beispielen für die Missverständnisse rund um KI. Die Rechteverwertungsgesellschaft Gema hatte ihn in der Auseinandersetzung um die EU-Urheberrechtsnovelle abgesetzt.

Der Verfasser des Tweets hat sich offenbar von den vielen Erfolgsmeldungen über künstliche Intelligenz beeindrucken lassen, die derzeit kursieren: Hier kann KI Objekte in Bildern erkennen, dort Nachrichtenartikel schreiben. Und fahren nicht in den USA schon massenweise KI-gesteuerte Autos durch die Gegend? Da sollte es doch verhältnismäßig einfach sein, ernst gemeinte Posts von Satire zu unterscheiden. Doch das kann künstliche Intelligenz aktuell nicht leisten. Und aus heutiger Sicht wird es auch noch viele, viele Jahre so bleiben – wenn KI überhaupt einmal so weit sein wird.

Begrifflicher Nebel

KI ist neben der Robotik, dem IoT und der Vernetzung ein wesentliches Element der Digitalisierung. Doch während sich jeder bei Robotern etwas Konkretes vorstellen kann und man den Grad und die Qualität der Vernetzung sogar messen kann, haben viele Menschen keine genaue Vorstellung davon, was KI eigentlich ist, was sie kann und was nicht.

Das hat auch mit den Begriffen zu tun: Wer oft genug „Künstliche Intelligenz“, „Machine Learning“ oder „Deep Learning“ gehört hat, für den kann sich schon mal der Gedanke festsetzen, dass die neue Technik tatsächlich der Intelligenz oder dem Lernen nahekommt, die man Menschen zuspricht.

Mit Googles Neural Network Playground kann man mit einem neuronalen Netz im Browser herumexperimentieren.

So scheinen sich bei manchem Beobachter die Meldungen über sprachverstehende, meisterhaft Go spielende und Auto fahrende KIs zu einem Bild einer allmächtigen künstlichen Intelligenz zusammenzufügen, die alle diese Fähigkeiten und noch viel mehr vereint. Und wenn die künstliche Intelligenz so viele Dinge beherrscht – oft besser als jeder Mensch –, dann wird sie die Menschheit bald in allem hinter sich lassen.

Einige Kritiker warnen schon vor der bevorstehenden sogenannten Singularität, dem Moment, an dem superintelligente Maschinen die Menschen überflügeln. Dabei beherrscht jedes einzelne der in der letzten Zeit gehypeten Systeme genau eine Sache – aber nur diese eine, sonst nichts. KI-Systeme sind Fachidioten, die auf bestimmte Aufgabe hin entwickelt und optimiert wurden. Eine KI, die Bilder klassifiziert, kann nicht auf „Auto fahren“ umschulen oder die neue Fertigkeit dazulernen. Und zu einer „Super-KI“ können sich die Spezialisten auch nicht zusammenschließen.

Der Versachlichung läuft es auch entgegen, dass der Boom der KI-Systeme eng mit der grundsätzlichen Kritik an den großen (IT-)Unternehmen verknüpft ist. Allerdings weiß man gar nicht genau, wie etwa Facebook die Timelines seiner Nutzer und Google seine Ergebnisseiten zusammenstellt, weil die Unternehmen ihre Betriebsinterna als Geschäftsgeheimnisse schützen. Es ist also gar nicht klar, worüber man spricht: Geht es überhaupt um KI oder ist etwas viel Simpleres im Spiel? In solchen Situationen ist dann häufig von Algorithmen die Rede – einem noch viel breiteren Begriff als KI.

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