c't 22/2019
S. 3
Editorial
Merlin Schumacher

IoT: Smart, smarter, Kühlschrank ...

"Heute, meine Damen und Herren, präsentieren wir Ihnen die Küche der Zukunft!", sagt der Mann auf dem Podium. Ich ahne schon, was gleich kommt: "Herzstück ist der smarte Kühlschrank!" "Bingo!", denke ich und möchte aufstehen, auf die Bühne gehen und den Mann auf der Bühne mit einem wohltemperierten Rettich aus seinem smarten Kühlschrank zum Schweigen bringen.

Seit ich denken kann, kommt irgendein Haushaltsgerätehersteller auf jeder Messe mit der "Küche der Zukunft" um die Ecke. Und jedes Mal hat man sich halbgare Ideen überlegt, die niemals Geld, Zeit oder Arbeit ersparen. In der Mitte steht immer der smarte Kühlschrank. Das Ganze wird präsentiert von Männern, die außerhalb der Arbeit offensichtlich noch keine Küche von innen gesehen haben.

"Der smarte Kühlschrank bestellt automatisch Produkte nach." - Ja! Nachdem ich eine Viertelstunde lang meinen Wocheneinkauf eingescannt habe - natürlich auch die Dinge, die nichts im Kühlschrank verloren haben! Danke dafür. Wie erkläre ich dem Ding, dass ich drei Bananen ohne Barcode gekauft habe? Besser ist doch die Variante mit der KI und der Kamera: Die scannt dann automatisch alle Objekte und erkennt anhand der Barcodes, welche Produkte da sind. Und wenn das Produkt in der Datenbank fehlt? Oder der Barcode kaputt ist? Wird dann kühl statistisch ermittelt, ob das Tetrapak Milch oder O-Saft enthält?

"Sie können sich auf der Tabletoberfläche in der Front Kochrezepte für alle vorhandenen Zutaten anzeigen lassen." - Coole Idee. Wenn der Hersteller dann in zwei Jahren die Lust an der netten Spielerei verliert, die Updates und die Schnittstellen von Chefkoch.de (oder wo auch immer die Rezepte herkommen) nicht mehr da sind, habe ich ein unsicheres Tablet, das stets Fehler 404 an Runtime Error zum Abendessen empfiehlt. Cool und so smart.

"Damit Sie auch immer sicher sein können, dass Ihr Kühlschrank korrekt arbeitet, gibt es auch eine App." Oh schön, dann weiß ich im Urlaub, dass der frostige Freund den Geist aufgegeben hat. Wie erleichternd! Und obendrauf noch ein proprietäres Smart-Home-Universum mit der Aussicht auf eiskalte Einstellung nach zwei bis fünf Jahren.

Allen Entwicklern von smarten Küchengeräten empfehle ich Videos aus den 50ern zur Küche der Zukunft. Dort macht man sich noch Gedanken über effiziente Platznutzung, bessere Eiswürfelformen und elegante Gestaltung.

Unterschrift Merlin Schumacher Merlin Schumacher

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