c't 23/2019
S. 37
aktuell
Lizenzhandel

Office bei Edeka: Microsoft geht gegen Lizengo vor

Microsoft meldet, es habe rechtliche Schritte gegen den Händler Lizengo eingeleitet, der über die Lebensmittelhandelskette Edeka Lizenzen für Office-Suiten und Windows vertreibt. Nach Erkenntnissen des Softwarehauses stehen einige der von Lizengo für die Installation der Software verteilten Aktivierungsschlüssel im Zusammenhang mit Lizenzen, die in Deutschland nicht vertrieben werden dürften.

Neben Netflix- und Spotify-Gutscheinen verkauft Edeka auch Microsoft-Lizenzen.

Die Software bei Edeka ist verdächtig billig. Microsoft zufolge ergab die Überprüfung einiger Product Keys, die Lizengo im Einzelhandel und online als „Software-Karten“ ausgeliefert hat, dass diese bereits an „Vorerwerber übermittelt und teilweise schon zur Aktivierung von Microsoft-Computerprogrammen verwendet wurden, bevor der Vertrieb der Produktschlüssel durch Lizengo erfolgte“. Das Unternehmen warnt: „Liegen Preise deutlich unter den unverbindlichen Preisempfehlungen von Microsoft oder den gängigen Angeboten lizenzierter Partner, sollten Kunden skeptisch sein.“

Anwender sind ohne Lizenz nicht zur Nutzung eines Programms berechtigt. Ein Produktschlüssel dient lediglich dazu, dass ein lizenzierter Nutzer das Computerprogramm installieren und aktivieren kann. Laut Microsoft kann ein Produktschlüssel dazu führen, dass ein Programm auch dann technisch funktioniert, wenn keine Lizenz vorliegt. Von einem Schlüssel kann man nicht auf eine Lizenz schließen. Lizenziertes Programm und Schlüssel können gemeinsam ausgeliefert werden, der Schlüssel kann aber auch zum Einsatz kommen, um andere Lizenzen freizuschalten. Microsoft hat einige der Lizengo-Software-Karten mit seinem Produktidentifikationsdienst (PID) geprüft. Dabei sind den Angaben des Unternehmens zufolge Schlüssel aufgetaucht, die für chinesische OEM-Lizenzen vorgesehen waren. Andere Lizenzverträge seien auf Universitäten ausgestellt worden, etwa in Bulgarien, und dürften dann nur in diesem Rahmen verwendet werden. Ein Vertrag läuft auf eine Universität in Dänemark, die laut Microsoft sagt, diesen überhaupt nicht abgeschlossen zu haben. Ein damit ausgelieferter Product Key für mehrfache Aktivierungen (MAK) wurde 30 Mal zur Freischaltung vergeben – unter anderem an Heise Medien, die ihn zu Testzwecken der c’t-Redaktion erwarb. Eine Leserbefragung durch c’t bestätigt: Zu den Lizenzen, die sich ausschließlich mit MAKs aktivieren lassen, liefert Lizengo eben solche Schlüssel tatsächlich an mehrere Kunden aus. Der Händler beteuert, alle Lizenzen aus von Microsoft zertifizierten Quellen bezogen zu haben, macht aber keine Aussagen über die Herkunft der ausgelieferten Schlüssel.

Ungeachtet des lautstarken Medienechos, Microsoft habe Lizengo verklagt, bleibt die Sachlage in den wichtigsten Punkten unklar. Das Softwarehaus meldet lediglich, es habe rechtliche Schritte gegen Lizengo eingeleitet; ob es tatsächlich Klage erhoben hat, ist der Formulierung nicht zu entnehmen. Das wäre auch verwunderlich, denn wenn ein Produktschlüssel schon nach allgemeinem Konsens nichts über den Charakter einer Lizenz aussagt, dann taugt auch ein Schlüssel unklarer Herkunft kaum als Beweis für eine unrechtmäßige Lizenz. Außer Angst einflößenden Beschreibungen der untersuchten Produktschlüssel führt Microsoft nur ein einziges weiteres Argument an: Die Lizenzen von Lizengo seien verdächtig billig.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob der Konzern überhaupt etwas Handfestes gegen Lizengo vorbringen kann. Die einzigen sicheren Beweise für einen Lizenzbetrug wären allenfalls durch ein Audit oder eine Hausdurchsuchung bei dem Kölner Händler zu erbringen, doch auf ein solches Verfahren liegen uns keine Hinweise vor. (hps@ct.de)

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