c't 26/2019
S. 3
Editorial
Michael Link

Actioncams: Diagnose Funktionsverfettung

Zu dritt saßen wir im Labor vor einem kleinen Würfel namens Actioncam und rätselten: "Was, zum Henker, bedeutet LDC?" Dass man mit "FOV" den Bildwinkel zwischen weit und schmal verstellt, war noch leicht zu erraten. Dass GoPro einen Zeitraffer hinter dem Wort Timewarp versteckt - geschenkt. Actioncams haben sich meilenweit von der genialen Einfachheit der ersten Filmschachteln entfernt.

Meine Diagnose: Actioncams sind nun auch mit einer Funktionsverfettung infiziert, also dem Aufpumpen mit Features, die teils weitab vom ursprünglichen Zweck liegen: Mit dem Fernseher nur fernsehen? Um Gottes willen! Angeblich wollen Kunden doch Internetfunktionen, Apps, personalisierte Werbung und Alexa im TV. Schon Auto-Navis blies man durch Medienabspieler, Freisprechanlage und mehr auf, sodass die Routenberechnung Nebensache wurde. Navis verschwinden nun, weil Smartphones auch das Navigieren gelernt haben. Das Fotografieren übrigens auch, weshalb die Fotoapparate ihrerseits mit Video-Funktionen gepimpt werden und im Actioncam-Revier wildern.

Das spart zwar den Kauf einiger Spezialgeräte - dennoch läuft was falsch: Zunehmend wird es mühsamer, in Geräten und Software die Kernfunktionen zu finden und sie ohne große Einarbeitung zu nutzen. Unverständliche Menüpunkte, Menü-Irrgärten und User-Interfaces mit übertriebenem Mitteilungsbedürfnis nerven und überfordern viele Nutzer. Dabei haben unter anderem Kamerahersteller mit ihren Programmautomatiken vorgemacht, wie man auch unbedarften Nutzern die Basisfunktion eines Gerätes leicht zugänglich macht, hier das Fotografieren. Ähnliches fehlt aber bei etlichen Produkten.

So treibt in der Kantine eine Kaffeemaschine die Leute in den Wahnsinn: Dreizehn Knöpfe, rätselhafte Piktogramme sowie zwei Hebel geben Rätsel auf statt Kaffee aus - mancher konvertierte schon zum Teetrinker, der nur einen einzigen Taster für heißes Wasser drücken muss.

Zur Weihnachtszeit werden nicht wenige von uns wieder ihren Lieben beibringen, wie man mit dem neuen Smartphone denn, bitte schön, telefoniert. Oder herausfinden, wie man mit der Actioncam einen Clip über die Inbetriebnahme der neuen Kaffeemaschine machen kann. LDC ("Lens Distortion Correction") macht dabei übrigens aus krummen Linien im Bild einigermaßen gerade.

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