c't 13/2021
S. 116
Test & Beratung
Online-Interaktionsplattformen
Bild: Rudolf A. Blaha

Kongress der Avatare

Kostenlose Online-Interaktionsplattformen für virtuelle Gruppentreffen

Auf Online-Interaktions­plattformen treffen sich größere Gruppen, sei es für eine virtuelle Konferenz, ein Brainstorming in Kleingruppen oder zum ungezwungenen ­Party-Talk. Vier Programme ­zeigen, was sie Zoom & Co. ­voraus haben.

Von Kim Sartorius und Hartmut Gieselmann

Während des Tests sagte ein Kollege über eine Online-Interaktionsplattform: „Das hat so viele Möglichkeiten, dass man aus dem Spielen auch nach einer Stunde kaum rauskommt.“ Mit diesen Plattformen lassen sich Treffen und Konferenzen selbst mit großen Gruppen organisieren und strukturieren. Veranstalter erstellen virtuelle Vortragssäle, Meetingräume für Kleingruppen oder laden Mitarbeiter per Link zur virtuellen After-Work-Party.

Damit bei Treffen von hundert oder mehr Personen nicht alle durcheinanderreden, sprechen Teilnehmer nur mit den Personen, deren Avatare sich in der Nähe ihres Alter-Ego aufhalten. Im Unterschied zu Videokonferenzprogrammen, bei denen Veranstalter allen Gästen Gruppenräumen zuweisen müssen, finden Gruppen auf den Interaktionsplattformen schneller und ­intuitiver zusammen. Nutzer erkunden die virtuellen Umgebungen als Avatare – Video- und Audiofunktionen kommen erst bei einer Unterhaltung hinzu. Wer die Gruppe verlassen möchte, muss dafür nicht die Konferenz beenden, sondern zieht mit seinem Avatar einfach weiter.

Für unseren Test haben wir uns vier kostenlos nutzbare Plattformen näher angesehen. gather.town lädt seine Gäste in eine 2D-Retrografik und kommt bereits bei vielen Veranstaltungen zum Einsatz. Work Adventure aus Frankreich sieht ähnlich aus und lässt sich dank des quelloffenen Codes auch selbst hosten. Letzteres gilt auch für Mozilla Hubs, das Avatare in eine 3D-Umgebung versetzt, die man auch mit VR-Brillen erkunden kann. Wonder aus Deutschland verzichtet auf grafische Ablenkungen und lockt mit schnörkel­losem Design und großer Übersicht.

Alle Plattformen laufen im Browser, die Hersteller empfehlen Chrome oder ­Firefox. gather.town stellt zudem eine Desktop-App für Windows und macOS bereit und funktioniert in einer Betaversion auch in Safari, lädt dort allerdings sehr langsam und hat Probleme mit der Grafik.

Bei der Arbeit

Wer Online-Interaktionsplattformen beruflich nutzen möchte, kann beispielsweise in gather.town wissenschaftliche Konferenzen veranstalten. Das Programm bietet dafür Präsentationsobjekte wie Poster oder Projektoren, um Bilder, Videos oder Webseiten anzuzeigen. Interaktive Objekte leuchten gelb auf, wenn der eigene Avatar sich ihnen nähert. Mit Druck auf die X-Taste kann man dann Videos abspielen, eine externe Webseite öffnen oder den Text auf einem Hinweisschild lesen.

Auch außerhalb von großen Veranstaltungen finden sich interessante Anwendungsfälle für die virtuellen Räume, etwa Teammeetings. In gather.town und Mozilla Hubs können Kollegen ihre Ideen auf integrierten Whiteboards sammeln. In allen vorgestellten Plattformen gibt es ­darüber hinaus Chats und die Möglichkeit, seinen Bildschirm zu teilen.

Um sicherzustellen, dass an den Meetings nur geladene Gäste teilnehmen, können Veranstalter die Räume von gather.town, Mozilla Hubs und Wonder mit Passwörtern schützen. Work Adventure regelt den Zutritt in einer kostenpflichtigen Version ab 5 Euro pro Nutzer im Monat mit einer Gästeliste. Störenfriede lassen sich in allen Programmen wieder entfernen – solange sie jedoch über den Link und das Passwort zum Raum verfügen, hindert sie nichts daran, wiederzukommen.

Um das zu verhindern, können Veranstalter Nutzer in Work Adventure und gather.town verbannen. Achtung: In ­gather.town geschieht das über die IP-Adresse des Nutzers. Sollten der Veranstalter und die verbannte Person über dieselbe IP-Adresse kommunizieren, etwa weil sie sich aus demselben Firmennetz anmelden, fliegen beide aus dem Raum.

In gather.town trifft man sich mit Freunden zu einer virtuellen Strandparty oder gestaltet Räume für verschiedene Veranstaltungen.

Partyzeit

Nach Feierabend nutzen Anwender die Plattformen beispielsweise, um Geburtstage zu feiern und Weihnachtsfeiern zu veranstalten. Um die Partygäste zu unterhalten, hat gather.town Spiele wie Poker im Angebot. Diese sind allerdings relativ einfach gehalten und verlieren schnell ihren Reiz.

Auf einer richtigen Party darf Musik natürlich nicht fehlen. Da bisher keine der getesteten Plattformen einen Musikstreamingdienst integriert hat, empfehlen die Hersteller, mit einem Dummy-­Account zum Musikspielen teilzunehmen oder externe Software wie VB-Cable einzusetzen. Damit leiten Nutzer die Tonausgabe eines Programms in andere Anwendungen um.

Aufpassen sollte man in jedem Fall, wenn die Programme im Hintergrund im Browser weiterlaufen. Denn oft kann es passieren, dass das Mikrofon weiter offenbleibt und andere Teilnehmer dann Gespräche im Raum mithören. Um das zu verhindern, deaktiviert gather.town bei einem Tabwechsel automatisch die Kamera und das Mikrofon. Bei den anderen Plattformen können Browser Plug-Ins wie „Mute Other Tabs“ weiterhelfen.

Kommentieren