c't 2/2023
S. 80
Wissen
Windows 11 auf ARM-Prozessoren

Pflegenotstand

Weshalb ARM-Rechner mit Windows nicht attraktiver werden

Seit zehn Jahren arbeitet sich Microsoft an ARM-Notebooks ab. Doch sie sind noch immer schlechter als welche mit Prozessoren von AMD oder Intel. Und das wird sich nicht so bald ändern.

Von Christof Windeck

Die ersten Windows-RT-Tablets kamen 2013 auf den hiesigen Markt. Darauf lief eine Variante von Windows 8 für ARM-Prozessoren, die nicht mit den x86-Chips von AMD und Intel kompatibel sind. Dank einer Emulationsschicht konnte man zwar auch 32-Bit-x86-Programme nutzen, aber nur lahm.

Windows RT war ein Fehlschlag und seither ist Microsoft mit ARM-Geräten nicht grundsätzlich weitergekommen. Kooperationspartner Qualcomm liefert mittlerweile zwar viel schnellere Snapdragon-Chips und unter Windows 11 laufen auch die meisten 64-Bit-x86-Programme darauf. Doch nach wie vor fühlen sich x86-Anwendungen zäh an und manche funktionieren gar nicht. Noch immer gibt es kaum ARM-kompatible Windows-Treiber für Peripheriegeräte.

Schicke Schale, schwacher Kern: Im Microsoft-Tablet Surface Pro 9 steckt der bisher schnellste ARM-Prozessor von Qualcomm, aber im Praxisvergleich mit der x86-Konkurrenz hinkt es hinterher.
Schicke Schale, schwacher Kern: Im Microsoft-Tablet Surface Pro 9 steckt der bisher schnellste ARM-Prozessor von Qualcomm, aber im Praxisvergleich mit der x86-Konkurrenz hinkt es hinterher.

Nur wenige PC-Hersteller springen auf den ARM-Zug auf, außer Microsoft selbst (Surface Pro 9 mit 5G) liefert derzeit nur Lenovo (ThinkPad X13s) ein Gerät mit dem aktuellen Snapdragon 8cx Gen 3. Irrsinnigerweise kosten diese Mobilrechner über 1500 Euro und sind deutlich langsamer als billigere mit Intel Core i5-1200U oder AMD Ryzen 6000U.

Unterdessen zeigt Apple mit den hauseigenen Chips M1 und M2, wie effizient und flott ARM-Technik laufen kann. Dieses „Apple Silicon“ ist nicht nur schneller als sämtliche Qualcomm-Chips, sondern die Apple-Software reizt seine Vorteile auch aus. Zudem rennt die x86-Emulation in macOS erstaunlich flink.

Software-Problem

Ab 2023 will Qualcomm stärkere „Oryon“-Rechenkerne bringen. Doch die können das Windows-ARM-Problem nicht lösen. Denn es liegt bei der Software: Selbst wenn der Oryon schneller wäre als dann erhältliche x86-Chips, frisst die x86-Emulationsschicht einen Teil dieser Performance auf. Solange nicht jedes beliebige Windows-Programm optimiert wurde, bleibt die ARM-Technik im Vergleich mit x86-Rechnern stets im Nachteil.

Viele Firmen und Privatleute nutzen Windows jedoch genau deshalb, weil viele verschiedene Programme laufen, auch ältere Software ohne Anpassungen. Wer hingegen flexibel auf andere Apps ausweichen kann oder sowieso alles mit Webdiensten im Browser erledigt, der braucht auch kein Windows. Solche Leute können stattdessen ein MacBook nehmen oder ein iPad mit Tastatur, ein Chromebook oder ein Android-Tablet. Viele dieser Geräte sind deutlich billiger als Windows-ARM-Notebooks.

Für viele Windows-Nutzer bieten ARM-Notebooks mehr Nach- als Vorteile. Leichte, lüfterlose Langläufer wären auch mit lahmen x86-Prozessoren machbar – aber die kauft kaum jemand. Viel mehr Kunden wünschen höhere Performance und akzeptieren dafür im Gegenzug Lüfter. Und eingebaute Mobilfunkmodems fragen hauptsächlich Firmenkunden nach, weshalb man sie in Business-Notebooks mit x86-CPUs ebenfalls bekommt.

Nicht nur Henne und Ei

Seit zehn Jahren hängt Windows on ARM an einem Henne-und-Ei-Problem fest: Weil es nur wenige ARM-optimierte Windows-Apps gibt, kaufen wenige Menschen ARM-Notebooks. Weil nur wenige ARM-Notebooks auf dem Markt sind, optimieren wenige Entwickler ihre Windows-Software dafür. Ganz anders hält es Apple, wo x86 keine Zukunft mehr hat.

Die Situation wäre besser, wenn die x86-Emulationsschicht flotter wäre; aber das bekommt Microsoft nicht hin. Alternativ könnte Microsoft billigere ARM-Rechner in den Markt drücken. Beispielsweise könnten sparsame, langlebige, lüfter- und geräuschlose 200-Euro-Boxen Schulungsräume, Callcenter und viele Büros erobern. Doch anscheinend will Qualcomm unbedingt teure Windows-Notebooks bestücken, um damit höhere Profite zu erzielen als mit Snapdragons für Smartphones.

Die Strategie „lahm, aber teuer“ kann jedoch nicht funktionieren. Auch zehn Jahre nach dem Start der Windows-Rechner mit ARM-Chips ist es unverständlich, welche Ziele Microsoft damit verfolgt. Solange das so bleibt, ist der Erfolg unwahrscheinlich. (ciw@ct.de)

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