iX 8/2016
S. 3
Editorial
August 2016
Detlef Borchers

Der Brexit und die IT

Ob ein Groß- oder Kleinbritannien aus der Europäischen Union ausscheidet, steht noch nicht fest. Ungewiss ist außerdem, wann die neue britische Regierung unter Theresa May das Verfahren einleitet. Während der schwache Pfund-Kurs dafür sorgt, dass britische Firmen wie der Chipdesigner ARM leichter aufgekauft werden können, ist für die IT-Branche insgesamt vorerst Rätselraten angesagt.

Mit dem Ausstieg aus der europäischen Marktgemeinschaft hat sich Großbritannien für ein Zurück in die alte Zeit entschieden, als man eigene Computer unter dem Label ICL baute und Behörden, Versicherungen und die Britische Post verpflichtet waren, diese Systeme zu kaufen. Neben der Schaffung eines eigenen Binnenmarktes bedeutet das Votum für den Brexit ein Ende der Freizügigkeit, die es EU-Bürgern gestattete, sich auf der Insel niederzulassen. Der „polnische Klempner“ war neben den „horrenden“ Ausgleichszahlungen an die EU das wichtigste Argument der EU-Gegner. Verglichen mit den 850 000 Polen, die im Vereinten Königreich arbeiten, sind die 60 000 Europäer, die nach einer Studie von Ernst&Young im Fintech-Sektor rund um London in Start-ups arbeiten, eine kleine Gruppe. Ziehen sie weg, verliert London den Titel der „Hauptstadt“ der Finanztechnologie (Fintech). In Paris, Amsterdam und Luxemburg wird eifrig um sie geworben, auch Berlin ist mit von der Partie.

Die Fintechs gehen, wenn die Banken und Finanzdienstleister gehen müssen. Das System des „Passporting“, bei dem eine britische Banklizenz ausreicht, um in ganz Europa Finanzgeschäfte anbieten zu können, ist an die Freizügigkeitsregel gekoppelt. Nach einer Studie der Deutschen Bank würden Goldman Sachs, Bank of America, JP Morgan, Morgan Stanley, die Citigroup und Barclays einen neuen Passport-Anker brauchen, auch der große Londoner Zweig der Deutschen Bank selbst. Während diese Deutschland als neues Quartier ins Auge fasst, bevorzugt man bei Goldman Sachs Frankreich, bei JP Morgan Luxemburg, bei Citigroup und Barclays Irland. Nach einer Auflistung der britischen Jobagentur Hays hängen eine halbe Million IT-Jobs in Großbritannien vom Finanzgeschäft ab.

Auch aus der Kolonialgeschichte Großbritanniens gibt es Abhängigkeiten, die bis in die IT reichen. Alle großen indischen Outsourcer-Firmen haben ihren Sitz in Großbritannien. Mindestens 110 000 Inder mit einfacher Aufenthaltserlaubnis sind bei ihnen beschäftigt, wickeln aber in Zeiten globaler Outsourcing-Geschäfte diese überwiegend mit Firmen im europäischen Wirtschaftsraum (EWS) ab. Wenn es „brexit“, will man nach Irland gehen, in zweiter Wahl nach Schottland, sollte dies nicht mit ausscheiden. Aus dem Rest-Europa höre man zu viele fremdenfeindliche Signale, so der Kommentar eines Insiders.

Zum Schluss zu Theresa May, der neuen Premierministerin, die den Brexit gestalten will. Vergessen ist die Rede, die ihr Vorgänger David Cameron auf der CeBIT 2014 hielt, als er eine neue IT-Einigkeit beschwor und ein Zusammengehen des britischen Erfindungsreichtums mit deutscher Industriekultur seine „Wunschkultur“ nannte. Frau May weiß besser, was digitale Kräfte bewirken können, war sie doch zuvor die britische Innenministerin, die abseits des National Health Service die größten IT-Projekte unter sich hatte, einige davon gescheitert (e-Borders, SIREN). Zuletzt hatte sie mit dem „Investigatory Powers Bill“ (IPBill) ein umfassendes Überwachungsgesetz gestartet, das eine zwölfmonatige Speicherung aller Kommunikationsdaten (auch der Inhalte) aller Bürger vorsieht. Schon vor dem Brexit-Votum hatte May angekündigt, dass ihr dieses Überwachungsgesetz wichtiger sei als europäische Befindlichkeiten und mit dem Auszug Großbritanniens aus dem Europäischen Gerichtshof und dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gedroht. Mit dem Brexit kommt der gläserne Brite, eine IT-Aufbaumaßnahme.

Unterschrift Detlef Borchers Detlef Borchers

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