iX 6/2017
S. 3
Editorial
Juni 2017
Oliver Diedrich

Noch ein Generalschlüssel fürs Web

Die Allianz, der Axel-Springer-Konzern, Daimler (Abteilung Financial Services), die Deutsche Bank samt Postbank und der Kartendienst Here – eine Menge geballter Digitalkompetenz hat sich da zusammengefunden, um die amerikanischen Internet-Größen das Fürchten zu lehren. In der etwas schwammigen Ankündigung – gut, die Initiative steht ja noch ganz am Anfang – geht es um eine „gemeinsame Registrierungs-, Identitäts- und Datenplattform“, oder kurz und knapp: einen „digitalen Generalschlüssel“ für alle möglichen Dienste im Internet. Wohl vor allem europäische Dienste. Vielleicht auch erst mal nur deutsche, schaut man sich die Gründungsmitglieder an. Später sollen dann noch E-Government-Angebote von Behörden dazukommen.

Ich stelle mir das ungefähr so vor wie OAuth 2.0, Sie wissen schon: das Protokoll, über das Sie sich bei allen möglichen Websites mit Ihrem Facebook-, GitHub-, Google- oder Twitter-Account anmelden können, ohne sich eigens registrieren zu müssen. Und das jetzt also in Europäisch, natürlich mit „höchsten Standards bei Datensicherheit und Datenschutz“ – und sogar konform zur EU-Verordnung Nr. 910/2014 über „elektronische Identifizierung und Vertrauensdienste für elektronische Transaktionen im Binnenmarkt“, kurz eIDAS. Also wohl mit elektronischer Signatur und elektronischen Einschreiben, ganz wie sich das die deutsche und die EU-Bürokratie wünscht.

Klingelt da was? Ach ja, der neue Personalausweis. Der sollte mit seiner eID-Funktion auch so ein universeller Ausweis fürs Internet werden, E-Government inklusive. In Hannover beispielsweise kann ich damit, gerade mal sechs Jahre nach der Einführung, bereits drei Dinge online statt auf dem Bürgeramt erledigen: mein Auto abmelden, ein polizeiliches Führungszeugnis beantragen und eine Gewerbezentralregisterauskunft erstellen lassen. Und die Wirtschaft? Die traditionellen Banken bestehen nach wie vor auf Post-Ident, hippe Fintechs nutzen stattdessen Video-Authentifzierung. Oh, fast vergessen: Natürlich lässt sich mit dem Online-Ausweis ein De-Mail-Konto eröffnen. Auch so ein Erfolgsmodell.

Aber zurück zur geplanten Plattform der deutschen Konzerne: Eine „europäische Antwort auf die internationale Plattformwirtschaft“ möchte die neue Initiative sein. Wenn alles gut läuft, kommt am Ende etwas heraus, das die Einfachheit von Google mit Datenschutz nach europäischen Vorstellungen verbindet – das wäre ein echter Gewinn. Wahrscheinlich kriegen wir aber einen Dienst, der mit deutscher Gründlichkeit und allerhöchsten Sicherheitsstandards die Nützlichkeit des Online-Ausweises mit der Verbreitung von De-Mail kombiniert. Sofern das Projekt nicht schon beim Start stolpert: Erst mal müssen nämlich noch die zuständigen Wettbewerbsbehörden zustimmen.

Unterschrift Oliver Diedrich Oliver Diedrich

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