iX 9/2017
S. 80
Report
Midrange-Server
Aufmacherbild

Wie IBM i moderne Entwickler ansprechen soll

Kompromisslos offen

IBM hat ihre AS/400 von Anfang an als Application System konzipiert. Da Open Source ein wesentlicher Bestandteil der Anwendungswelt wurde, trieb der Hersteller auch ihre Integration voran. Was auf der AS/400 mit Apache, Perl und Java vor knapp zwanzig Jahren begann, wurde mit Kerberos, PHP und Samba über die Jahre und die Nachfolgemodelle fortgesetzt. Zuletzt kamen bei dem heute Power System i genannten Server Tools wie Git, nginx, Node.js und Orion hinzu.

Linux first ist die vielen unbekannte Strategie für IBMs Power-Systeme. Ab Generation 9 der Power-Prozessoren wird IBM seine Serversysteme zuerst mit Linux als Betriebssystem verkaufen. Erst später folgen AIX und IBM i. Speziell die Midrange-Server – Power System i, früher AS/400 – erfreuen sich auch heute noch großer Beliebtheit und erfuhren im Laufe der letzten Jahre eine Öffnung.

Bei ihrer Ankündigung 1988 war die AS/400 ein proprietäres Serversystem der IBM – konzipiert als robuste Maschine mit geringem Aufwand bei Wartung und Bedienung, gedacht für den Einsatz im Mittelstand oder in Niederlassungen, Werken und Tochtergesellschaften von Großkonzernen. Alle Anwendungen mussten speziell für die AS/400 geschaffen werden, die neben dem Mainframe als Urbild des „proprietären“ IT-Produktes und damit als Gegenpol aller offenen Systeme der Unix- und später Linux-Welt galt.

Das hat sich inzwischen geändert – auch wenn es sich noch immer lohnt, die speziellen Vorteile dieser Maschine auszureizen. Spätestens seit die AS/400 im Jahr 2008 mit der Unix-Serverlinie fusionierte (siehe „Alle Links“ am Ende des Artikels), wurde IBM i rasant geöffnet. Neben AIX und IBM i kann auf diesem System mit Power-Prozessor Linux (SUSE, Red Hat oder Ubuntu) als Betriebssystem zum Einsatz kommen – und zwar gleichzeitig in verschiedenen Partitionen. Die Öffnung geht sogar so weit, dass IBM die 2017 erscheinende Prozessorgeneration POWER9 zuerst mit Linux vertreiben will; die IBM-eigenen Betriebssysteme AIX und i sollen POWER9 wohl erst 2018 beherrschen.

IBMs eigene Betriebssysteme können mit Linux auf Power-Systemen nebeneinander laufen (in verschiedenen logischen Partitionen). Die nächste Prozessorgeneration wird zuerst mit Linux veröffentlicht, AIX und IBM i folgen dann später (Abb. 1). Quelle: IBM

Strategie „Linux first“

Die Strategie „Linux first“ hängt auch damit zusammen, dass IBM 2013 noch einen Schritt weiter in Richtung Open Source gegangen ist und ihre Power-Hardware offengelegt hat. Gemeinsam mit Firmen wie Google hat IBM die Open Power Foundation gegründet, in deren Zentrum eine offene Serverarchitektur auf Basis des IBM-Mikroprozessors steht. Zentraler Bestandteil dieser Architektur sind Firmwarekomponenten, die ebenfalls als Open Source entwickelt und auf GitHub zur Verfügung gestellt werden. Dadurch will IBM mit der Community in der Server-Welt eine Alternative zu den Produkten von Intel schaffen, von der letztlich auch die eigenen Power-basierten Plattformen AIX und IBM i profitieren.

Diese 1998 mit Apache, Java und Perl initiierte Öffnung hat jedenfalls zur Folge, dass heute Standardanwendungen wie SAP ebenso auf Power i laufen wie viele wichtige Tools der Open-Source-Welt (etwa PHP oder Node.js). Sie alle hat IBM im Laufe der Jahre in die Plattform integriert, sodass sich populäre Open-Source-Anwendungen wie Drupal, Joomla!, SugarCRM oder Magento direkt betreiben lassen. Daneben gibt es auch Open-Source-Anwendungen aus dem Umfeld der hauseigenen Sprache RPG: einen RPG-Parser, eine Testumgebung oder die Tool-Sammlung Ossile; insgesamt listet das Wiki „IBM i Open Source Aggregation“ heute über 70 Projekte auf, die speziell für IBM-i-Nutzer relevant sind.

Natürlich dreht sich bei den IBM-i-Nutzern weiterhin alles um ihre bewährten Anwendungssysteme, die sie seit zwanzig oder dreißig Jahren konsequent für spezifische Anforderungen entwickelt und maßgeschneidert haben. Die Stabilität der Serverarchitektur und das Technology Independent Machine Interface (TIMI, siehe Kasten „Die Architektur von IBM i“) erleichtern dies. Darüber können sogar heute noch S/38-Programme aus den 70er-Jahren auf einer Hardware laufen, die den Supercomputer Watson antreibt (siehe Abbildung 2). Denn das Betriebssystem IBM i arbeitet nicht direkt mit der Hardware zusammen, sondern läuft immer als virtuelle Maschine auf besagtem TIMI.

Wurde bereits mit RPG programmiert: der Vor-Vorläufer der AS/400, das System/3 der 70er-Jahre (Abb. 2). Quelle: IBM

Ein zweischneidiges Schwert

TIMI ermöglicht diese langfristige Kompatibilität – ein klarer wirtschaftlicher Vorteil, aber ein zweischneidiges Schwert. Denn das Betriebssystem wurde zwar permanent weiterentwickelt und ist durchaus zeitgemäß und modern, gilt aber aufgrund der darauf betriebenen Anwendungs-Oldtimer oft als veraltet – zumal diese Programme oft getreu dem Motto „Never touch a running system“ allzu lange sich selbst überlassen bleiben. Da hapert es dann nicht nur am Design, sondern auch an den Funktionen oder an der Integration in moderne Anwendungen aus Bereichen wie E-Commerce und Social Media. Das „grüne“ Menü, typisch für IBM i, mag zwar in vielen Fällen ergonomischer und effizienter sein als die heute üblichen GUIs, wirkt jedoch altbacken und angestaubt und ist damit letztlich Wasser auf die Mühlen der Kritiker.

Anwendungs-Oldtimer prägen das Image

Das Image des „Dinosauriers“ hat System i aber nicht nur deshalb, sondern auch, weil es gern von Leuten beurteilt wird, die es gar nicht richtig kennen. Und weil IBM wenig tut, die Vorteile und Alleinstellungsmerkmale von IBM i herauszuarbeiten. Die IT-Chefs allerdings, die damit arbeiten, wissen die schon seit ihrer Ankündigung totgesagte Plattform nach wie vor zu schätzen.

Kommentieren