iX 11/2018
S. 80
Report
Industrie 4.0
Aufmacherbild

Digitalisierung und neue Arbeitswelt

Bedingt gewappnet

Die Diskussion um die Auswirkungen von Industrie 4.0 und durchgreifender Digitalisierung auf Jobs und Karriere tobt seit knapp einem Jahrzehnt. Aktuelle Untersuchungen zeigen: Die Arbeitswelt wird sich verändern, doch der großflächige Verlust von Arbeitsplätzen ist vorläufig nicht zu befürchten.

Inmitten eines Industriegebiets im Münchner Vorort Garching liegt in einem aufgelassenen Fabrikgebäude das Industrial IoT Innovation Center von Avanade, einem Joint Venture zwischen Microsoft und Accenture, an dem Microsoft heute noch rund 20 Prozent hält. Gemeinsam entwickelt man maßgeschneiderte IoT-Anwendungen für Unternehmen. Hier lässt sich besichtigen, wie die durch das IoT geprägte industrielle Zukunft aussehen könnte. Kunden kommen zu sogenannten Design-Thinking-Workshops, die zeigen, was möglich ist, und die die Fantasie der Kunden bezüglich der eigenen Abläufe anregen sollen.

Während in Garching im Obergeschoss kreativ gedacht wird, geht es im Untergeschoss an die Praxis. Schaustücke demonstrieren, wie sich die Produktion verändern könnte, darunter eine komplett softwaregesteuerte Fertigungsstraße im Kleinformat, an der ein Roboter des US-Start-ups Rethink Robotics Klötzchen in eine Kiste füllt, die dann automatisch weitertransportiert wird.

Am Modell einer Produktionsstraße mit digitalem Zwilling und Rethink-Robotics-Cobot (links) demonstriert Avanade im Industrial IoT Center in Garching, was mit IoT-Techniken möglich ist (Abb. 1). Foto: Ariane Rüdiger

Anders als seine im Käfig steckenden Vorgänger kann er etwa an den Fertigungsbändern der Automobilindustrie Seite an Seite mit Menschen arbeiten, ohne sie zu gefährden (siehe Abbildung 1). Dank seiner Sensorik stoppen die Greifarme, wenn sie an etwas anstoßen. Die Schnittstelle zur Bedienlogik, ein übersichtliches Panel mit wenigen Knöpfen, befindet sich am Arm des rund 40 000 Euro teuren Geräts. Der Umgang mit dem Cobot soll sich innerhalb weniger Stunden erlernen lassen.

Das IFR sieht für die Zukunft in China vor allem Bedarf an Industrierobotern, in den USA an Servicerobotern (Abb. 2). Quelle: IFR/automatica

Auch KUKA arbeitet an solchen Systemen, ist aber in Garching nicht vertreten. Zum Thema Roboter ein paar Zahlen, die das IFR (Institute for Robotics) im Rahmen des Trend Index 2018 ermittelt und zur automatica veröffentlicht hat: 2020 wird es 1,7 Millionen neue Industrieroboter geben, vor allem in China (siehe Abbildung 2). Der Markt für professionelle Serviceroboter soll zwischen 2018 und 2020 jährlich um 20 bis 25 Prozent wachsen, wobei die größte Nachfrage aus den USA kommt ([a], alle Quellen siehe ix.de/ix1811080).

In der virtuellen Fabrik

Cobots zeigen, dass IoT und Industrie 4.0 im industriellen Umfeld auch für die Mitarbeiter Vorteile haben können. Gerade gefährliche oder physisch stark fordernde Aufgaben lassen sich an die „künstlichen Kollegen“ abtreten. Auch die Schulung profitiert vom IoT: „Früher musste man die Fertigung von Produktionsstraßen oft stilllegen, um neue Mitarbeiter daran einzuweisen“, berichtet Robert Gögele, Geschäftsführer von Avanade für den deutschsprachigen Raum. „Heute lernen sie am digitalen Zwilling, und man testet erst ganz zum Schluss an der echten Anlage, ob die Neulinge auch verstanden haben, was sie dort lernen konnten.“

Datenbrillen übernehmen zukünftig eine wichtige Rolle, etwa für Wartungstechniker, die draußen beim Kunden knifflige Reparaturen ausführen sollen. In einer Demo wurde ein weiblicher Avatar in eine Datenbrille eingespielt, der einem Mitarbeiter Anweisungen für die Demontage der einzelnen Module eines Gerätes gab.

Avanade steht mit seinem Design-Thinking-Ansatz nicht allein da. Einige Kilometer weiter betreiben in den hoch aufragenden Highlight-Towers in Nordschwabing Fujitsu und IBM ähnliche Denkschmieden für das KI- und IoT-Zeitalter. Wer diese Labore der Industriezukunft besucht, sieht schnell, wie sehr noch alles im Stadium der Ideenfindung ist. Auch IBM und Fujitsu wollen erst einmal zusammen mit den Kunden die Fülle der Möglichkeiten ausloten, dann aber schnell zur Umsetzung schreiten – wenn möglich unter Zuhilfenahme des eigenen Portfolios. Bei den entwickelten Konzepten spielen die Auswirkungen auf die Zahl der Arbeitsplätze nur eine untergeordnete Rolle, Dreh- und Angelpunkte sind die Flexibilität und die Effizienz.

Zu den Folgen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt haben sich mehrere Denkschulen herausgebildet. Zu den Digitalisierungsextremisten zählt Ray Kurzweil, Cheftechnologe bei Google. Er träumt davon, dass Computer den Menschen bald überflügeln und ihn nicht nur im Arbeitsleben mehr oder weniger überflüssig machen werden. Im Zentrum steht die sogenannte Singularität, der Moment, in dem Computer intelligenter sein werden als Menschen.

Freilich gibt es inzwischen an solchen Denkmodellen viel Kritik sowohl aus der Wissenschaft – besonders aus den Sozialwissenschaften – als auch aus der Industrie. Microsoft etwa verkündet allenthalben, KI werde nur dann nützlich für die Gesellschaft sein, wenn die Technik für den Menschen da sei und nicht umgekehrt.

Kommentieren