iX 12/2018
S. 100
Report
Internet
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Private Network Interconnect macht Druck aufs Peering-Geschäft

Direkt verbunden

Lange Zeit war Peering die Methode der Wahl, Daten im Internet netzübergreifend zu transportieren. Doch nun machen Direktverbindungen zwischen Unternehmen dem Peering-Modell Konkurrenz.

Das Verbinden der einzelnen Providernetze erledigten bislang sogenannte Peerer, die Verbindungen mit möglichst vielen anderen Peering-Anbietern aufbauen, über die dann Daten in beide Richtungen fließen. Üblich ist es bei größeren Unternehmen aber auch, private Verbindungen vom Provider anzumieten, die in dessen Netz führen und von dort aus weiter über das offene Internet zu den gewünschten Endpunkten.

Allerdings war Letzteres lange für viele Anwender zu teuer. Zudem kann man zu privaten Partnern, mit denen man besonders viele Daten austauscht, gleich eine private, gesicherte Verbindung von Tür zu Tür respektive Rack zu Rack herstellen, sofern sich diese beim selben Kolokationsprovider befinden. Hier spricht man von Private Network Interconnect (PNI).

Fließen Daten vorwiegend in eine Richtung, nämlich zum Endabnehmer wie bei Content-Providern, gibt es eine weitere Variante: CDN, ein Content Delivery Network aus kapazitätsstarken Geräten jeweils in der Nähe der Endanwender. So bringt beispielsweise Netflix seine Inhalte zum Kunden.

Private Network Interconnect boomt

Vor allem die Direktverbindungen bei Cloud-Providern, Finanz- und Produktionsunternehmen werden zunehmen (Abb. 1). Quelle: Equinix

Doch diese Struktur der Hintergrundvernetzung wandelt sich derzeit tiefgehend. Besonders stark wachsen PNI. Diesen Trend belegt der Global Interconnection Index, den der Colocation-Anbieter Equinix jüngst auf Basis von Daten aus dem Jahr 2017 herausgebracht hat. Befragt wurden 1699 Unternehmen unterschiedlicher Lokalisierung, Branchenzugehörigkeit und Größe. Die Studie prognostiziert eine Zunahme der Interconnection-Bandbreite auf 8200 TBit/s bis 2021, was einer Verfünffachung in rund fünf Jahren bei durchschnittlichen jährlichen Wachstumsraten um 50 Prozent je nach Region entspricht. Der IP-Traffic wird dagegen nach Prognosen von IDC im selben Zeitraum „nur“ um 26 Prozent zunehmen.

Die wichtigsten Anwendungsbereiche von Interconnection sind laut Index Netzwerkoptimierung, die hybride Multicloud sowie dezentrale Sicherheits- und Datenarchitekturen. Software-defined Networking verstärkt den Drang zur Interconnection, weil es den Aufbau privater Verbindungen mit definierten Servicelevels mehr oder weniger ad hoc vereinfacht, sofern die nötige Hardware bereits installiert ist. Auch verstärkte Compliance-Anforderungen spielen Interconnection in die Hände: Auf privaten Verbindungen haben Übeltäter weniger Chancen, auf sensible Daten zuzugreifen.

Direktverbindungen zwischen Unternehmen scheinen zudem die zuverlässigere Basis für datenintensive Businessökosysteme zu sein. Laut der Equinix-Untersuchung werden sich Unternehmen in Zukunft vor allem mit Cloud-Providern, Finanzdienstleistern und Partnern aus ihrer Lieferkette direkt vernetzen, um den Problemen mehr oder weniger öffentlicher TK-Verbindungen zu entgehen und Daten schneller auszutauschen. Dementsprechend wächst bei diesen Branchen die installierte Interconnection-Kapazität besonders stark.

Die durchschnittliche Interconnection-Bandbreite ist laut Studie wenig überraschend umso größer, je mehr Mitarbeiter, Niederlassungen und Umsatz ein Unternehmen hat. So werden laut Studie Unternehmen mit mehr als einer Milliarde Dollar Umsatz 162 GBit/s Interconnection-Bandbreite vorhalten – bei mehr als zehn Milliarden Umsatz sind es sogar 481 GBit/s, sprich ein halbes Terabit/s Interconnection-Bandbreite in privaten Händen.

Hoster könnten profitieren

Von diesen Trends könnten Hoster profitieren. In deren Räumen befindet sich ja oft genug Hardware aller möglichen Unternehmen, die dann sozusagen per direkt verlegter Glasfaser im RZ die denkbar kürzeste und damit meist auch kostengünstigste Direktverbindung zueinander aufbauen können.

Die Veränderungen gehen zulasten der Peering-Anbieter. PNI und verbilligter Datentransfer durch Providernetze sowie Caching sind die wichtigsten Gründe dafür, dass deren Geschäftsmodell derzeit unter Druck gerät. Ein Beispiel dafür ist der niederländische Peering-Provider NL-ix, der, anders als heute die meisten Peerer, neben Vereinbarungen mit vor allem lokalen Branchengenossen ein Netz angemieteter internationaler Verbindungen zwischen seinen Rechenzentren in Nord- und Westeuropa, vor Kurzem auch noch in Osteuropa, unterhält, über die internationale Kunden bedient werden.

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