iX 12/2018
S. 3
Editorial
Dezember 2018
Jürgen Seeger

Blockchain: Technik sucht Anwendung

Die Michail Gorbatschow zugeschriebene Mahnung „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ treibt offenbar auch den Lobbyverband Bitkom um. Er beklagt nämlich, dass die deutsche Wirtschaft zu zögerlich auf den Blockchain-Zug aufspringe. Dies ergab jedenfalls eine Umfrage unter rund 1000 deutschen Unternehmen ab 50 Mitarbeitern zur Akzeptanz der Distributed-Ledger-Technologie.

Zwar kannten 95 % der Teilnehmer den Begriff „Blockchain“ und – Bitcoin-Spekulation sei dank – sogar 99 % den Begriff „Kryptowährung“. Doch die Mehrheit der Unternehmen (60 Prozent) hat sich noch nicht weiter mit dem Thema beschäftigt. Was man auch daran festmachen kann, dass nur rund ein Viertel der Befragten etwas mit dem allgemeineren Begriff „Distributed Ledger“ anfangen konnte, dem „verteilten Kassenbuch“, von dem die Blockchain nur eine Ausprägung ist.

Dabei geht es doch, glaubt man vielen Technikpropheten, um eine „disruptive Technologie“ von ähnlicher Bedeutung wie das Internet. Bitkom-Chef Berg fordert sogar, die Politik solle „Deutschland zum Vorreiter bei Blockchain-Anwendungen machen“.

Womit wir beim springenden Punkt wären. Wo sind die Blockchain-Anwendungen, auf die die Welt gewartet hat? Bei vielen Projekten fragt man sich, ob es nicht auch eine herkömmliche Datenbank getan hätte. Obendrein entpuppen sich bei näherem Hinsehen die meisten Blockchain-Anwendungen als weit entfernt davon, Anforderungen wie Skalierbarkeit erfüllen zu können – ganz zu schweigen vom Datenschutz (siehe zu Letzterem auch den Artikel auf Seite 96 in diesem Heft). Andere streuen den Begriff Blockchain auf alles und nichts, quasi als „Feenstaub“, wie dies Spötter treffend genannt haben. Hauptsache, man kann den VC beeindrucken.

Ein Schlaglicht auf die tatsächliche Bedeutung warfen die diesjährige CEBIT und die HannoverMesse. Dort musste man Blockchain-Projekte mit der Lupe suchen und fand kaum mehr als Prototypen. Dazu passt, dass in der Bitkom-Umfrage 88 % der Befragten keinen „belastbaren Business-Case“ sahen. Damit erweist sich die deutsche Wirtschaft nicht als innovationsfeindlich, sondern als erfreulich hype-resistent.

Sicherlich kann die Distributed-Ledger-Technik in bestimmten Fällen hilfreich sein. Etwa beim Internet der Dinge, wenn es um gesicherte Kommunikation zwischen Maschinen geht, oder bei der revisionssicheren Ablage von Dokumenten. Aber nur als eine mögliche Technik unter anderen. Und ganz undisruptiv.

Unterschrift Jürgen Seeger Jürgen Seeger

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