iX 7/2018
S. 137
Medien
Vor 10 Jahren
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Vor 10 Jahren: Schluss mit lustig

Vor zehn Jahren war „Schluss mit lustig“. Das verkündete das Editorial der iX 7/2008. Erstmals war ein deutscher Hacker für das unerlaubte Eindringen in fremde Netze mithilfe des bedrohlich klingenden „Wardrivings“ verurteilt worden.

Der deutsche WLAN-Hacker fuhr nicht herum und stöberte nach ungesicherten Netzen, sondern nahm den Weg über das ungesicherte WLAN seines Hausnachbarn. Egal. Das Amtsgericht Wuppertal verurteilte den Mann für die „unerlaubte WLAN-Nutzung“, doch die Strafe war eher symbolisch. Der Laptop wurde eingezogen, verbunden mit der Warnung, dass im Wiederholungsfall 20 Tagessätze fällig seien. Das Gericht begründete das milde Urteil damit, dass die Rechtslage „bislang ungeklärt“ gewesen sei. Deswegen gab es nur eine „Verwarnung mit Strafvorbehalt“, juristisch gesprochen.

Interessant war die Einschätzung des Gerichts, dass die vom WLAN-Router des Nachbarn zugewiesene IP-Adresse eine abgehörte Nachricht darstelle, weshalb der Wardriver auch gegen das Bundesdatenschutzgesetz verstoßen habe. Im iX-Editorial sah Jürgen Seeger darin einen interessanten Ansatz, sich den Herausgabeansinnen von Sicherheitsbehörden zu widersetzen.

Der iX-Chefredakteur sah aber noch ein ganz anderes Problem: „Und wie soll in der Logik des Wuppertaler Urteils ein Fall gewertet werden, bei dem sich ohne Zutun des Benutzers sein Rechner mit dem nächsterreichbaren WLAN verbindet? Will man auch dem unerfahrenen User eine aktive Prüfungspflicht aufbürden?“

Zehn Jahre später ist das Problem gelöst, freilich in einem ganz andere Sinne. Mit dem Wegfall der „Störerhaftung“ darf man sich mit offenen WLANs verbinden, ohne sich damit schuldig zu machen. So ist das Wardriving als „Hackersport“ ziemlich in Vergessenheit geraten.

Gleichzeitig ist die Nutzung der Technik jedoch krimineller geworden: Zum gezielten Ausspionieren werden in Hotels oder Firmen WLAN-Router mit identischen WLAN-Namen eingerichtet, mit denen sich dann Geräte arglos verbinden, weil sie den WLAN-Namen gespeichert haben. Im aktuellen Verfassungsschutzbericht – dieser Dienst ist für Wirtschaftsspionage zuständig – stehen solche Angriffe im Ausland an zweiter Stelle der Angriffstaktiken fremder Unternehmen und Staaten. (Nummer eins ist das Filmen von Sex über die Kamera im TV.)

Oder stehen wir heute vor einem ganz anderen Problem? In diesen Tagen warnte der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland vor den Strahlengefahren im Kinderzimmer. Jungen Eltern wird von der Industrie eine Vielzahl von Geräten jenseits des Babyphones angedient, die sich automatisch mit dem WLAN verbinden wollen. Es gibt smarte Schnuller und Windeln mit Nässemelder, die ins WLAN wollen, weil Bluetooth Low Energy nur einen Raum weit reicht.

Blättert man in der BUND-Broschüre, liest man von vielen Anwendungen, die die Welt nicht braucht und bei denen die Umweltschutzorganisation eine Strahlenbelastung für in Entwicklung befindliche Hirne befürchtet. Das fängt beim drahtlosen Wehen-Messegerät für Schwangere an, das sich mit jedem WLAN zu verbinden versucht. Die Organisation spricht von einer Strahlengefahr, vor der nicht ausreichend auf den Produkten gewarnt wird. Detlef Borchers (js@ix.de)

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