iX 8/2018
S. 131
Medien
Vor 10 Jahren
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Vor 10 Jahren: Das Internet vergisst nichts

Die auf Bewährung entlassenen Mörder des Schauspielers Walter Sedlmayr wollten ihre Namen aus dem Internet löschen lassen. Es stand das Recht auf Vergessen gegen das auf Meinungsbildung.

Vor 28 Jahren wurde in München der Schauspieler Walter Sedlmayr ermordet. Die beiden Täter wurden ermittelt und zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Inzwischen sind sie auf Bewährung entlassen und kämpfen darum, dass ihre Namen in Verbindung mit dem Tathergang aus dem Internet gelöscht werden. Die Klagen gegen Wikipedia und deutschsprachige Verlage gingen bis zum Bundesgerichtshof, der die Löschung ablehnte.

Vor wenigen Tagen entschied nun auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte als höchste Instanz, dass in diesem Fall das Recht auf Vergessen vor dem Recht auf Meinungsbildung zurücktreten muss. Damit steht im Grundsatz fest, dass es kein Recht auf Vergessen gibt.

Kein Recht auf Vergessen? Jeder zweite Deutsche zwischen 14 und 29 Jahren hat schon etwas im Internet veröffentlicht, was er hinterher bereute. Das ist keine Zahl von 2018, sondern aus iX 08/2008. Unter dem Titel „Für immer?“ beschäftigte sich der Jurist Tobias Haar mit der Frage „Wer darf oder muss Spuren im Internet löschen?“

Haar verwies auf Suchmaschinen wie ClaimID, My-ON-ID oder Naymz, die aus der Personensuche ein Geschäftsmodell machten. Zur Beruhigung: Bis auf die stark modifizierte Suche von Yasni sind all diese Angebote spurlos aus dem Internet verschwunden. Ihr Verdienst: Aus der damaligen Diskussion entwickelten sich Ideen zum Persönlichkeitsschutz, die sich in der aktuellen DSGVO niedergschlugen.

2009 wurde Eric Schmidt, damals Chef von Google, gefragt, was man gegen unerwünschte Informationen über sich im Netz tun könne. Seine lapidare Antwort: Wer nicht wünscht, dass etwas Schlimmes über ihn im Netz steht, sollte in erster Linie nichts Schlimmes tun. Doch im Interview mit dem TV-Sender CNBC hatte Schmidt auch eine komplexere Antwort parat. Er plädierte für eine elektronische ID, unter der jeder Mensch im Alter von 21 bis 25 Jahren einen Neuanfang starten und die Jugendsünden hinter sich lassen kann. Die Idee fiel anderswo auf fruchtbaren Boden: Fünf von acht Anbietern, die Angebote für das in China geplante Social-Scoring-System entwickeln, starten die Punktesammelei mit Bürgern erst mit dem 21. Geburtstag.

Übrigens vergisst das Internet, lagertechnisch bedingt, recht viel. Die erwähnten verschwundenen Personensuchmaschinen sind ein gutes Beispiel. Auch die vielfältigen Inhalte der GeoCities mit happigen Jugendsünden der ersten Webseiten sind größtenteils verschwunden. Nur wenig ist hier von Archive.org erfasst worden. Das gilt auch für zahllose in den Newsgroups des Usenets geschlagene Rede-Schlachten. Nur ein Bruchteil von ihnen wurde von Google archiviert, als man die Datenbestände von Deja News aufkaufte und als Google Groups weiterführte.

So ist vergessen, dass der Autor dieser Zeilen nach einem Interview mit Lotus-Gründer Mitch Kapor einstmals als „dümmster anzunehmender Journalist“ (DAJ in Anlehnung an DAU) bezeichnet wurde Detlef Borchers (js@ix.de)

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