iX 1/2019
S. 3
Editorial
Januar 2019
Jürgen Seeger

Cebit: Kaputt gespielt

In Gefahr und großer Not bringt der Mittelweg den Tod.“ Diese Passage aus einem Gedicht des deutschen Barockdichters Friedrich von Logau scheint das Motto der Messe AG gewesen zu sein, als sie sich 2017 entschloss, die Cebit vom März in den Juni zu verlegen und der Veranstaltung mit Rapper-Auftritten und Riesenrad mehr „Eventcharakter“ zu verpassen.

Denn die Stimmung bei den Machern war dauerhaft eingetrübt. Die Besucherzahlen waren gegenüber dem Allzeithoch 2001 auf ein Viertel geschrumpft, von über 800 000 auf 200 000, die Zahl der Aussteller hatte sich mehr als halbiert, von rund 8000 auf gut 3000.

Die Gründe dafür? Vielfältig. Für einen ersten Einbruch sorgten die Terroranschläge vom 11. September 2001. Viele US-Firmen und Besucher scheuten 2002 Flugreisen. Wichtiger aber als dieses singuläre Ereignis war der Siegeszug des Internets. Die IT-Firmen nutzten das Netz für Neuvorstellungen, mussten dafür nicht nach Hannover kommen. Einige von ihnen hatte die Messe AG schon in den Boomzeiten gründlich verprellt, als sie die Aussteller um jeden Quadratmeter mehr betteln ließ.

Hinzu kam der Aufstieg fokussierterer Veranstaltungen wie der CES in Las Vegas, der Mobile World in Barcelona, der SXSW in Austin oder der Internationalen Funkausstellung in Berlin. Apropos Funkausstellung: Die Cebit-Macher konnten sich nie wirklich entscheiden, ob man neben dem Schlips-und-Kragen-Publikum auch die jugendlichen Jeans-Träger willkommen heißen wollte – und wenn ja, wie sehr. Nicht weiter verwunderlich, dass die sich dann auf der IFA besser aufgehoben fühlten.

So weit die hinlänglich bekannten Probleme der Cebit. Die andere Seite der Medaille erschließt sich erst auf den zweiten Blick. So hatten sich die Besucher- und Ausstellerzahlen in den letzten vier Jahren stabilisiert. Mit 200 000 Besuchern und 3000 Ausstellern war die Cebit 2017 immer noch die mit Abstand größte IT-Messe. Zum Vergleich: In Barcelona zählte man in den vergangenen Jahren gerade einmal halb so viele, auf der CES rund 160 000 Teilnehmer.

Zudem warf die Cebit nach wie vor Gewinn ab. Es gab also durchaus die Option, mit moderaten Modifikationen daran zu arbeiten, Besucher- und Ausstellerzahlen weiterhin stabil zu halten. Das wäre vielleicht ein bisschen langweilig gewesen, man hätte im Buzzword-Bingo (Disruption, Freiheit, Innovation, Ökosystem …) zurückstecken müssen, der eine oder andere Influencer hätte die Veranstaltung womöglich ignoriert.

Sicher: Aufmerksamkeitsökonomisch hätte man so keinen Blumentopf gewinnen können. Das 2018er-Konzept einer Event-Messe war natürlich ungemein hip und cool. Das schert aber den mittelständischen Aussteller nicht, der am Ende der Messe die Leads zählt und seine Vertriebler losschicken will. Der bleibt einfach weg, wenn ein Messeveranstalter die Bodenhaftung verliert, die Show in die Sommerpause verlegt und die Besucherzahlen von 200 000 auf 120 000 herunterknüppelt.

Kurz gesagt: Das Ende der Cebit war hausgemacht. Von „Gefahr und großer Not“ konnte keine Rede sein. Eher von ein bisschen Langeweile. Aber Business muss nicht immer kurzweilig sein.

Unterschrift Jürgen Seeger Jürgen Seeger

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