iX 3/2019
S. 3
Editorial
März 2019
David Fuhr

Reise nach FOSSilien

Eine Version der Geschichte geht so: „7. Februar 2019. Microsoft tritt dem Open-Source-Compliance-Verband OpenChain bei. Klare Sache, logischer Schritt, Kooperation ist immer gut.“ Die andere Version klingt für denselben Tag so: „BITTE WAS?! Die Begriffe ,Microsoft‘ (ausgerechnet!) und ,Open Source‘ in einem Satz, und dazu noch ,Compliance‘, aber es geht um keinen Rechtsstreit – was ist da los?!!“ Dabei stößt Redmond sogar noch relativ spät zur Party hinzu: Facebook, Google und Uber etwa sind bereits seit einem Jahr Mitglieder. Aber mal ganz langsam und von vorne:

Unvergessen ist der Abscheu, den (die Führungsetage von) Microsoft der freien Software über Jahre entgegenbrachte. Die Transformation von der Verachtung und Ausgrenzung von freier Software durch gewisse Technologiegiganten des letzten Jahrtausends über Duldung und Förderung bis hin zur (gelegentlich wie ein Würgegriff anmutenden) Umarmung begann zunächst schleichend, bei Microsoft spätestens 2016 mit dem experimentellen Osterei Windows Subsystem for Linux (WSL) in Windows 10, und steigerte sich dann 2018 rasant mit dem Kauf des Open-Source-Paradieses GitHub (Sommer), der Bereitstellung des eigenen Portfolios von über 60 000 Patenten für Linux und Co. über das Open Invention Network (OIN) im Oktober und gar die Opferung des heiligen Grals – der eigenen Browser-Engine, die zugunsten des unaufhaltsam davonziehenden Chrom(e|ium)-Schnellzuges des Erzfeindes Google over the Edge, äh, die Klinge springen muss. Und auch andere alte Platzhirsche bemühen sich redlich, um nicht zu sagen Red-Hat-lich, mitzumischen, wie IBM mit dem Großeinkauf im vergangenen Herbst.

Damit ist F(L)OSS, wie die Free/Libre and Open Source Software auch genannt wird, im Mainstream nicht nur angekommen, sondern hat unterwegs den Diskurs, was gute Software ausmacht, einmal ziemlich umgekrempelt. Zu Tode gesiegt, würde man in anderen Branchen sagen. Aber der Patient Open Source wirkt heute lebendiger denn je. Allerdings hat sich seine Form ziemlich verändert. So ist Linux auf dem Desktop nie wirklich angekommen, Hurd niemals fertig geworden und Java vor zehn Jahren böse falsch abgebogen. Stattdessen hat der Eroberungsfeldzug von FOSS von der Peripherie her begonnen, von ehemaligen Rändern und Nischen, die heute längst selbst riesige Ökosysteme sind, siehe Android, siehe Python, siehe die gesamte Webplattform.

Apropos Plattform: FOSS ist gewissermaßen nur ein Mittel zum Zweck, nach dem Tod der Hardware- und der Softwareprodukte eine eigene solche zu schaffen, ohne die Firmen wie Apple, Alphabet, Alibaba und Amazon nichts sind. Ein anderes Mittel war für Microsoft der Kauf von LinkedIn, das quasi als offene Quelle von Menschen beziehungsweise potenziellen Mitarbeitern fungiert, ein HR-Repo sozusagen.

Der italienische Journalist, Philosoph und Aktivist Antonio Gramsci erkannte schon in den 30er-Jahren, dass die stärksten Veränderungen nicht von militärischer oder ökonomischer Macht ausgehen, sondern von kultureller Hegemonie: Wer es schafft, die Menschen zu überzeugen, dass sie mit ihm in der besten aller möglichen Welten leben, hat gewonnen. Dazu gehört eine „organische“ Beziehung zu den jeweils relevanten Intellektuellen – also in der IT-Branche zu uns „Techies“. Es wird mit Sicherheit spannend, in den kommenden Jahren die nächsten Runden des Kampfs um unsere Herzen zu erleben.

Vielleicht hatte Steve Ballmer 2001 gar recht mit „Linux is a cancer“ – allerdings ein gutartiges, nützliches Geschwür. Das neue Mantra lautet also tatsächlich: „Don’t Forget to FLOSS“, wie Zahnärzte im englischsprachigen Raum zu sagen pflegen. Frei übersetzt: Hol alles aus den Nischen raus, sonst wirst du krank und deine Zähne fallen aus. Und die braucht man schließlich noch, um im entscheidenden Moment wieder zubeißen zu können. (ur@ix.de)

Unterschrift David Fuhr David Fuhr

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