iX 4/2019
S. 3
Editorial
April 2019
Oliver Diedrich

Die Privatsphäre der anderen

Mark Zuckerberg sorgt sich um die Privatsphäre. Nicht um seine eigene, auf die passt er schon immer ganz gut auf. Sondern um die der Facebook-Nutzer. Und das ist auch bitter nötig, man denke nur an Cambridge Analytica, die Millionen Nutzerprofile aus Facebook abgreifen durften. Oder an die Telefonnummern, die Facebook ganz unschuldig als zweiten Faktor zur Authentifizierung erfragte, aber auch zum Ausspielen von Werbung nutzt. Oder an die WhatsApp-Kontaktdaten, die mit Facebook-Profilen verknüpft wurden. Oder an Facebooks VPN-App Onavo, die dem Unternehmen detaillierte Daten zur Smartphone-Nutzung lieferte. Oder, oder, oder …

Aber jetzt soll, glaubt man den Worten des Facebook-Gründers, die Privatsphäre der Nutzer bei Facebook an erster Stelle stehen (siehe Seite 18). Mehr private Kommunikation in geschlossenen Gruppen sowie per WhatsApp und Messenger (demnächst miteinander verschmolzen) statt öffentlicher Postings im Facebook-Newsfeed. Verschlüsselte private Kommunikation. Postings mit kürzerer Lebenszeit, wie sie die Instagram-Storys populär gemacht haben. Schutz vor Beleidigungen und Angriffen, Hate Speech, Falschinformationen. Keine Datenspeicherung in Ländern, die die Menschenrechte nicht achten.

Klänge alles schön und gut, wüsste man nicht so genau, dass Zuckerberg in Wirklichkeit ein Getriebener ist. Allein wegen des Cambridge-Analytica-Skandals ermitteln unter anderem die US-Börsenaufsicht, das FBI und das amerikanische Justizministerium. In Europa prüfen die Datenschützer diverse Vorfälle, unter anderem in Spanien und England wurden bereits Bußgelder verhängt. Selbst in den traditionell regulierungsfeindlichen USA werden angesichts der zahlreichen Datenskandale und der anhaltenden Diskussionen um die Rolle von Fake News bei Wahlen Rufe nach einer Regulierung laut.

Mit seinen Versprechen versucht Zuckerberg, den Angriffen auf Facebook etwas Wind aus den Segeln zu nehmen: „Seht doch, wir haben verstanden und kümmern uns.“ Gleichzeitig greift er aktuelle Trends vor allem bei jüngeren Nutzern auf, die Facebook sowieso nicht ignorieren kann: der zunehmende Rückzug in geschlossene Gruppen, der Wunsch nach weniger Öffentlichkeit und Dauerhaftigkeit für eigene Postings, die zurückgehende Nutzung des Facebook-Newsfeeds.

Zudem: Die meisten dieser Ankündigungen schützen die Privatsphäre des Nutzers nur vor anderen Nutzern, nicht aber vor Facebook. Dass die Plattform weniger Daten über ihre Nutzer sammeln und speichern will, davon ist nicht die Rede. Selbst die versprochene Ende-zu-Ende-Verschlüsselung privater Kommunikation (die WhatsApp jetzt schon standardmäßig nutzt) schützt nur die Chat-Inhalte, während die Metadaten – wer chattet wann mit wem – weiterhin bei Facebook landen.

All die Maßnahmen, mit denen Zuckerberg die Privatsphäre der Facebook-Nutzer schützen möchte, hätten sie vor keinem der Facebook-Datenskandale der letzten Jahre geschützt. Am Geschäftsmodell von Facebook – möglichst viel über seine Nutzer zu wissen und dieses Wissen zu Geld zu machen – ändert sich nichts. Am Missbrauchspotenzial dieser Daten auch nicht. Da hilft auch keine „Privacy first“-Vision.

Unterschrift Oliver Diedrich Oliver Diedrich

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