iX 5/2019
S. 3
Editorial
Mai 2019

Geschluckt, um zu wachsen

Gemeinhin haben Heuschrecken ein Imageproblem – vor allem wenn man von Finanzinvestoren spricht. Sie würden schwächelnde Unternehmen kaufen, zerstückeln und die irgendwie verwertbaren Teile zu Geld machen. Auch der schwedische Private Equity Fond EQT ist ein Finanzinvestor und hat am 15. März die im vergangenen Sommer verkündete Übernahme von SUSE vollendet. Die Nürnberger Open-Source-Firma hat ja in Sachen Eigentümer(wechsel) schon einiges hinter sich: von Novell über Attachmate zu Micro Focus und schließlich für rund 2,5 Milliarden US-Dollar an EQT. 

Nun mag man ja denken: Ausgerechnet eine Heuschrecke? Wäre ein Investor aus dem IT-Sektor nicht sinnvoller gewesen?

SUSE selbst sieht das nicht so. Der sichtlich entspannte CEO Nils Brauckmann freut sich über die neue Unabhängigkeit und auf kräftiges Wachstum in den kommenden Jahren (siehe Bericht von der SUSECon auf S. 26). Man sei, wenn die Red-Hat-Übernahme durch IBM vollzogen ist, der größte unabhängige Open-Source-Dienstleister – wobei man den Begriff „größte“ in diesem Zusammenhang freilich differenziert sehen kann: SUSE hat im vergangenen Jahr erstmals die Marke von 400 Millionen Dollar überschritten, während Red Hat allein im Ende Februar beendeten Quartal seines Geschäftsjahres mehr als doppelt soviel Umsatz verbuchen konnte.

Davon unbeirrt stichelte Brauckmann während der SUSECon durchaus in Richtung IBM und Red Hat: Das Rot werde sich über ein Violett zu Blau wandeln. Echte Offenheit könne nur eine unabhängige Firma bieten. Diese Offenheit, die sich SUSE schon zu Attachmate-­Zeiten auf die Fahne geschrieben hatte („The Open Open Source Company“), soll auch unter EQT weiterhin Leitfaden sein. Die sind schließlich kein Resteverwerter, sondern kaufen Firmen mit Entwicklungspotenzial, investieren, bis deren Wert die Investitionssumme deutlich übersteigt, um dann wieder auszusteigen. Der Vorteil für SUSE: Einerseits stehen Mittel auch für nicht organisches Wachstum – vulgo Zukäufe – bereit, andererseits hält sich EQT als Nicht-IT-Firma aus dem Tagesgeschäft raus. In Erwartung dieses Wachstums krempeln die Nürnberger derzeit ihre internen Strukturen um. Inwieweit sich dabei der Charakter des Unternehmens verändert, wird sich zeigen.

Dabei ist dem SUSE-Management das Ziel von EQTs Wachstumsstrategie zweifellos bewusst: Zunächst einige Jahre investieren, um dann auszusteigen. Das heißt für SUSE, dass der nächste Eigentümer in vier oder fünf Jahren eventuell wieder aus der IT-Branche stammen könnte. Es ist den Chamäleon-­Fans nur zu wünschen, dass dies nicht Oracle wird. Larry Ellisons Firma hatte sich nach Einschätzung des langjährigen Solaris-Kenners Wolfgang Stief ja nach dem Kauf von Sun Microsystems wie „ein roter Elefant im IT-Laden“ (siehe ix.de/ix1905003) benommen und dabei durchaus die hässlichen Züge einer Heuschrecke an den Tag gelegt.

André von Raison