Make Magazin 1/2020
S. 106
Reingeschaut
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Nähmaschine

Für etwa 80 Euro wurden sie beim Discounter in den vergangenen Jahren immer wieder verkauft und gebraucht sind sie bei eBay noch deutlich preiswerter: billige, rein mechanische Nähmaschinen. Was steckt drin – und was kann man daraus machen?

Moderne Nähmaschinen sind komplexe, voll elektronisch gesteuerte Roboter, die nahezu alles können, was sich mit Stoff, Leder und Faden anstellen lässt. Der Preis solcher Geräte liegt dann aber auch schnell mal bei einem gut vierstelligen Betrag. Für unter hundert Euro hingegen vertreiben diverse Discounter (die mit den vierbuchstabigen Namen) ab und zu rein mechanisch arbeitende Maschinen wie die hier beschriebene, die unter dem Namen Victoria verkauft wird. Es gibt auf dem Markt aber noch zahlreiche, sehr ähnlich gebaute Modelle.

Wir haben mal reingeschaut, was unter dem Kunststoffgehäuse verborgen ist, und uns Gedanken gemacht, was man noch damit anstellen könnte.

Massive Bauweise

Zuerst fiel nach Abnahme der Haube der wirklich stabile Metallgussrahmen der Maschine auf. Auch die Antriebswellen (oben für die Nadelbewegung, unten für Stofftransport und Unterfaden) sind aus dickem Stahl gefertigt, deutlich überdimensioniert und irgendwie für die Ewigkeit gebaut, vorausgesetzt, sie erhalten ab und zu ein Tröpfchen Öl. Entsprechende Bohrungen sind in den Lagergehäusen der Maschine vorhanden. Schmierstoff fand sich dort aber keiner mehr. Nach einer Ölung schnurrte die Mechanik dann aber wieder deutlich leiser und auch etwas schneller.

Der Motor treibt über einen Zahnriemen nur die obere Welle an.

Schwächer gebaut ist der Mechanismus für die Steuerung der Zickzackstiche. Hintereinander liegende Nockenräder auf den Achsen der Einstellräder sind nur in dünnen Blechen gelagert. Die Hebel, die diese Nocken abtasten und so die Nadelbewegung steuern, sind ebenfalls labil. Dadurch ist dieser mechanische Programmspeicher fehleranfällig und nicht sehr langlebig. Bei unserer gebrauchten Victoria klemmten daher die Räder ab und zu, weil sich verbogene Hebel verhakten.

Das führte zur ersten Idee eines Nähmaschinen-Tunings: Der labile Einstellmechanismus ließe sich durch elektronisch gesteuerte Servos ersetzen. Zusammen mit ein paar Sensoren für die Motordrehzahl und die Nadelstellung könnte dann eine Elektronik, die nicht leistungsfähiger sein muss als ein gängiges Arduino-Board, aus der Victoria eine moderne Maschine machen. Platz dafür ist reichlich vorhanden, der Programmieraufwand wäre jedoch nicht unerheblich. Und die Servos müssten schnell und kräftig sein, was sich wiederum in deren Preis niederschlägt. Außerdem wären eine Menge an Befestigungen und Verbindungshebeln zu fertigen (3D-Druck oder Lasercut). Da kommt man dann bei den Kosten schnell in Regionen, in denen man auch schon gebrauchte, elektronische Maschinen bekommt.

Die Programmsteuerung für die verschiedenen Sticharten erfolgt über Nockenräder.

Was aber kann man sonst noch mit den wirklich brauchbaren Teilen anfangen? Wie wäre es mit Sticken? Eine Stickmaschine muss zum einen einen Faden in Stoff oder Ähnliches nähen, wie eine Nähmaschine auch. Außerdem hat sie aber auch den Stoff in zwei Dimensionen zu bewegen, um die gestickten Muster zu erzeugen. Unsere mechanische Victoria und die vielen ähnlichen Maschinen bewegen den Stoff jedoch nur nach vorn oder hinten. Die wenigen Millimeter, die die Nadel beim Zickzack seitlich zurücklegt, sind zum Sticken viel zu wenig.

Dieser Mechanismus im Arm der Maschine sorgt dafür, dass der Oberfaden den Unterfaden umschlingt. Erst so kommt eine stabile Naht zustande.

Allerdings könnte man den Stoff in einem Stickrahmen befestigen, der dann von einem XY-Tisch (ähnlich dem eines 3D-Druckers) unter der Nadelspitze der Maschine bewegt wird. Passende Tische gibt es in Fernost für etwa 70 Euro inklusive Motoren. Dann müsste man nur noch die Nadelbewegung mit den Tischbewegungen synchronisieren, denn der Stoff darf sich nicht vom Platz bewegen, solange die Nadel noch darin steckt. Als Eingriffe in die Maschine wären dann noch ein Hallsensor und ein Magnet an der oberen Antriebswelle sowie eine Schaltung erforderlich, die den Antriebsmotor starten und stoppen kann. Oder man ersetzt den Motor gleich durch einen kräftigen Schrittmotor, der sich wesentlich einfacher elektronisch steuern ließe. Hier lohnt sich der finanziellen Aufwand eher, denn Stickmaschinen sind deutlich teurer als Nähmaschinen.

Und so war der Grundstein gelegt für eines der nächsten Make-Projekte. Sobald unser Stickautomat fertig ist, werden wir Ihnen die Bauanleitung präsentieren. hgb