Technology Review 1/2016
S. 3
Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

Wer Prognosen abgibt, muss irgendwann Farbe bekennen. Wie treffsicher also waren unsere Voraussagen für 2015? Wir rechneten mit einer großen Diskussion über die Erfolge der Entwicklungshilfe. Unter anderem die Weltverbesserungs-Visionen von Google, Facebook und anderen Firmen des Silicon Valley stießen diese Debatte dann tatsächlich an.

Wir kündigten spektakuläre Einsichten vom Pluto an, weil die Sonde New Horizon ihn passieren würde. Zuvor war er zum Zwergplaneten degradiert worden. Wir aber waren sicher, dass sich die Reise zu dem am weitesten entfernten Himmelskörper unseres Sonnensystems lohnt.

Überzeugt waren wir zudem, dass 2015 das Zeitalter der sozialen Roboter einläutet. Tatsächlich begann eine Debatte darüber, wie wir künftig mit Maschinen zusammenleben wollen – und ob uns künstliche Intelligenz gefährlich werden kann.

Und wir kündigten den Beginn der Weltumrundung des Solarflugzeugs Solar Impulse an. Das war einerseits einfach, denn es gab einen festen Starttermin. Andererseits ist bei derart gewagten Projekten wenig sicher. Nach dem Besuch unseres Autors im Hangar nördlich von Genf war uns jedoch ziemlich klar, dass es losgehen würde. Nicht gerechnet hatten wir allerdings damit, dass die Tour noch immer nicht abgeschlossen ist. Derzeit steckt das Flugzeug mit beschädigten Batterien auf Hawaii fest.

Fehl ging demgegenüber leider unsere Hoffnung, dass eine Behandlung mit sogenannten iPS-Zellen den Durchbruch in der Stammzelltherapie bedeuten könnte. Die Japanerin Masayo Takahashi hatte einer von Blindheit bedrohten Frau neue Netzhautzellen eingesetzt. Doch die Erfolgsmeldung blieb aus.

Bestehen bleibt allerdings die Einschätzung, dass die Biomedizin vor großen Durchbrüchen steht. 2015 machte vor allem die revolutionäre Methode des Genome-Editing Schlagzeilen, einer extrem einfachen und günstigen Methode, das Erbgut zu ändern. Wir rechneten grundsätzlich damit, glaubten aber nicht, dass es so rasch gehen würde. Was das für 2016 bedeutet? Wir hoffen auf neue Überraschungen. Denn die Welt hat genug Probleme, für die noch keine Lösung abzusehen ist.

Ich begrüße Sie in unserer Januar-Ausgabe.

Ihr

Robert Thielicke

Unterschrift