Technology Review 10/2016
S. 62
TR Mondo

CHINA

Katerstimmung nach Solarexzess

Der Strom aus den Solaranlagen in den Wüstenregionen im Westen des Landes wird bisher nur zu einem Teil ins Netz eingespeist. Foto: Tian Yiwei / Xinhua/ Action Press

Nach wie vor schauen viele Beobachter bewundernd auf den Ausbau der Solarenergie in China. Die Volksrepublik brachte in der ersten Hälfte des Jahres 2016 eine Gesamtkapazität von mehr als 20 Gigawatt ans Netz. Das ist etwa dreimal so viel wie im gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres – und es ist mehr als abgesehen von Deutschland, Japan und den Vereinigten Staaten im selben Zeitraum weltweit installiert wurde. China verfügt nun insgesamt über eine Kapazität von 63 Gigawatt Strom aus Solarenergie und damit über mehr Solarstrom als jedes andere Land.

Aber es mehren sich die Zeichen, dass der Boom nachlässt. Die Investmentfirma Macquarie Capital beobachtete etwa, dass viele der in diesem Jahr errichteten Solarfarmen äußerst hastig fertiggestellt wurden. Denn es galt, die Installation bis zum 1. Juli zu beenden. Zu dem Stichtag wurden die Subventionen der Regierung für neue Solaranlagen gesenkt. Weitere Kürzungen werden für das kommende Jahr erwartet, denn die Regierung versucht, die galoppierende Entwicklung zu bremsen.

Zum einen ist die Nachfrage nach zusätzlicher Energie nicht mehr nennenswert groß. Außerdem sind viele Anlagen der neuen Solargeneration, vor allem in den Wüstenregionen im Westen Chinas, bisher nicht einmal an das Stromnetz angeschlossen. Ein Großteil der Energie bleibt also ungenutzt. Laut der Photovoltaic Industry Association handelt es sich dabei um 39 Prozent des in der Provinz Gansu produzierten Solarstroms. In der Provinz Xinjiang sei es sogar mehr als die Hälfte. „Wir wissen alle, wie anfällig China für ein Überengagement ist, das zu massiven Überkapazitäten führt“, schrieb Mark Clifford, Geschäftsführer des Asia Business Council mit Sitz in Hongkong, daher kürzlich: „Warum sollte das auf dem Energiesektor anders sein?“

Zum anderen hat Peking offensichtlich Schwierigkeiten, seinen finanziellen Verpflichtungen den Solarentwicklern gegenüber nachzukommen: Etwa 21 Milliarden Yuan (rund 2,82 Milliarden Euro) an Solarsubventionen müssen noch ausgezahlt werden.

Derzeit wird erwartet, dass die Regierung bald den nächsten Fünfjahresplan für seinen Energiesektor verkündet. Analysten gehen davon aus, dass das angestrebte Volumen für neue Solarinstallationen durchschnittlich auf 15 Gigawatt pro Jahr fallen könnte. Das ist zwar immer noch eine immense Menge im Vergleich zu anderen Ländern – aber wohl weit unter dem Niveau dieses Jahres.

RICHARD MARTIN