Technology Review 10/2016
S. 56
Horizonte
Internet

„Nicht einmal von Regierungen zu stoppen“

Jaron Lanier hat das Internet und die digitale Kultur entscheidend mitgeprägt. Nun jedoch sieht er in ihr eine wachsende Gefahr. Seine Kritik an Google, Facebook und Co. ist schärfer denn je. Ein Gespräch über Desillusionierung.

Jaron Lanier ist so etwas wie der letzte Universalgelehrte der Computerszene: Er hat den Begriff „virtuelle Realität“ geprägt, forscht noch immer an VR-Systemen, komponiert, malt und schreibt Bücher. Der Mann mit den langen Rastalocken ist seit den 80er-Jahren im Silicon Valley aktiv – und entwickelte sich vom Vorkämpfer der digitalen Revolution zu ihrem schärfsten Kritiker. Für sein Werk „Wem gehört die Zukunft?“ erhielt er 2014 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Foto: Horacio Villalobos/ Corbis/ Getty Images

TR: Herr Lanier, Sie sind ein Pionier der virtuellen Realität. Trotzdem sind Sie von der Renaissance dieser Technologie nicht uneingeschränkt begeistert. Sie haben sogar gesagt, VR könne eine sehr unheimliche Waffe werden. Warum?

Jaron Lanier: Ich habe darüber zusammen mit Jeremy Bailenson von der Universität Stanford geforscht. Um ehrlich zu sein, ist Jeremy der eigentliche Experte auf diesem Gebiet – er hat sich gemeinsam mit seinen Studenten noch sehr viel intensiver damit beschäftigt. Ich gebe Ihnen dennoch ein paar Beispiele: Sie können in einer virtuellen Umgebung dafür sorgen, dass ein Politiker seinem Gesprächspartner ein kleines bisschen ähnlich sieht. Schon wird dieser Politiker demjenigen ein bisschen sympathischer vorkommen. Sie können das Größenverhältnis der beiden zueinander ändern – dafür sorgen, dass einer der beiden ein bisschen kleiner wirkt. Das kann sehr subtil sein, aber trotzdem Auswirkungen auf das Ergebnis von Verhandlungen haben. Es gibt eine Menge ähnlicher Techniken. Kurz gesagt, kann man das, was ein Mensch in der virtuellen Umgebung sieht, verändern, um seine Wahrnehmung zu manipulieren.