Technology Review 10/2016
S. 76
Fokus
Autonome Autos

Wer sieht besser?

Ein Gigant aus Jerusalem und ein Newcomer aus Berlin haben beide dasselbe Ziel vor Augen: sehende autonome Autos, die genau wissen, wo sie hinfahren und was um sie herum ist.

Dreißig Zentimeter vor dem Mann in dem leuchtend orangen Schutzanzug kommt der Müllwagen des Berliner Entsorgungsunternehmen BSR zum Stehen. Er weiß genau: Da steht keine vergessene Mülltonne im Weg, sondern ein Mensch. Denn das Müllfahrzeug hat Augen am Heck. „Herkömmliche Ultraschallsensoren, wie man sie aus dem Pkw kennt, würden dauernd piepen, weil sie ein Hindernis – egal welches – hinter dem Wagen ausmachen. Aber unsere Kamera kann sehr genau zwischen Mensch und Mülltonne unterscheiden“, sagt Tinosch Ganjineh, einer der Gründer des Start-ups Autonomos. Diese Fähigkeit will Ganjineh noch ausbauen: Bald schon sollen zusätzliche Spezialkameras seitlich am Entsorgungsfahrzeug die Mülltonnen am Straßenrand erkennen. Der Fahrer braucht die Tonnen nur noch ferngesteuert mit einem Roboterarm zu greifen und zu entleeren.

BSR nutzt die Autonomos-Technik bereits seit 2013. Heute ist das ein Jahr zuvor gegründete Start-up weit über den Markt der Nutzfahrzeughersteller hinaus bekannt. Man arbeite mit etlichen namhaften Pkw-Fabrikanten in Forschungsprojekten zusammen, so Ganjineh. Autonomos mit seinen inzwischen 30 Mitarbeitern habe mehrere Übernahmeangebote auf dem Tisch. „Wir stehen kurz davor, dass unsere Technik auch serienmäßig in Pkw eingesetzt wird“, sagt Ganjineh. „Wir wollen die Sicherheit im Straßenverkehr erhöhen.“ Erfahrung mit der Technik sammelte Ganjineh schon als Mitarbeiter der TU Berlin. Dort entwickelte er das autonome Fahrzeug MadeInGermany, das bereits seit 2011 mit einer Ausnahmegenehmigung des Landes Berlin im Straßenverkehr der Hauptstadt unterwegs ist. Bislang hat es keinen einzigen Unfall gebaut.