Technology Review 10/2016
S. 86
Meinung
Bücher

Nie gesehene Bilder

Aus Satellitenaufnahmen hat das DLR dreidimensionale Modelle von berühmten Gipfeln erstellt. So entstehen Bilder, die mit normalen Kameras nicht machbar wären.

Die Nanda Devi (7816 Meter) gilt als einer der schönsten Berge Indiens. Die virtuelle Kamera zeigt die Westwand aus einer Höhe von rund 6500 Metern. Die Basis bilden Höhenwerte in Form von Graustufen (rechts oben). Darauf werden Lichter und Schatten gesetzt (Mitte). Mit einer Satellitenaufnahme als Textur sieht das Modell schon fotorealistisch aus (unten). Blauer Himmel und leichter Dunst vervollständigen den Effekt (großes Bild).

Sechsmal war Gerlinde Kaltenbrunner bereits am K2 gescheitert. Der letzte Versuch im August 2010 endete in einer Tragödie: Vor ihren Augen stürzte ihr Kletterpartner Fredrik Ericsson in den Tod. Doch sie gab nicht auf. Ihren siebten Versuch wollte sie im folgenden Jahr starten.

Stefan Dech, Spezialist für Satellitenfernerkundung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, hatte Gerlinde Kaltenbrunner auf einem Vortrag erlebt und beschlossen, ihr zu helfen. Dazu ließ er die in 700 Kilometern Höhe kreisenden Pléiades-Satelliten Serienaufnahmen des K2 machen. Daraus, wie sich die Winkel zwischen den Bildpunkten von Aufnahme zu Aufnahme verändern, lässt sich deren Höhe rekonstruieren. Aus diesen Daten errechnet eine Software ein dreidimensionales Geländemodell. Wird es mit einer „Textur“ aus einem zweidimensionalen Satellitenfoto bezogen, sieht es zunächst aus wie eine normale Luftaufnahme. Entscheidender Unterschied: Der Kamerastandpunkt lässt sich beliebig festlegen – auch dorthin, wo in der Natur Nachbarberge die Sicht versperren, oder in Höhen, in die keine Kameradrohne aufsteigen kann. Tages- und Jahreszeit lassen sich beliebig simulieren. So entstehen neue, nie gesehene Bilder.

Mit diesem Prinzip hat das DLR noch zwölf weitere Berge porträtiert – neben Klassikern wie Mount Everest, Matterhorn oder Montblanc auch Exoten, etwa den Ushba (das „Matterhorn des Kaukasus“) oder den Masherbrum (seit 1985 nicht mehr erfolgreich bestiegen).

Das Ergebnis liegt jetzt als opulenter Bildband vor. Jeder Berg ist mit vier großen Aufnahmen verewigt, eine Karte gibt Position, Blickwinkel, Brennweite und Höhe der virtuellen Kamera an. Reinhold Messner hat Texte zur alpinistischen Bedeutung der Gipfel beigesteuert, dazu kommen historische und aktuelle Expeditionsberichte. Ein Info-Kasten zu den geologischen Besonderheiten rundet das Ganze ab.

So faszinierend die detailreichen Bilder auch sein mögen – ihren ganzen Reiz dürften die 3D-Modelle erst zeigen, wenn man sie wie Gerlinde Kaltenbrunner nutzt. Zur Vorbereitung ihrer siebten K2-Expedition durfte sie beim DLR mit einer 3D-Brille virtuell über ihre Aufstiegsroute fliegen. „Manche Abschnitte, die wir eigentlich in Betracht gezogen haben, erscheinen fast unmöglich. Zu viel Eis, zu lawinengefährdet“, berichtet sie. „An anderen Stellen eröffnen sich neue Möglichkeiten. Auch gute Positionen für Zeltplätze werden klar.“

Stefan Dech, Reinhold Messner, Nils Sparwasser: M⁴ Mountains – Die vierte Dimension Malik, 240 Seiten, 50 Euro

Die Vorbereitungen scheinen geholfen zu haben. Am 23. August 2011 erreichte Kaltenbrunner gemeinsam mit ihren Begleitern den Gipfel des K2. Damit war sie die erste Frau, die alle 14 Achttausender ohne zusätzlichen Sauerstoff bestiegen hat. GREGOR HONSEL

DOKU-THRILLER

Wie Stuxnet auf die Welt kam

Die Verbreitung des Stuxnet-Virus in Energieanlagen rund um den Globus war kein Unfall, sondern Folge eines Zerwürfnisses zwischen den US-Geheimdiensten CIA und NSA auf der einen Seite und dem israelischen Mossad auf der anderen. Zu diesem Ergebnis kommt die aufwendige Recherche des Dokumentarfilmers Alex Gibney für seinen gerade angelaufenen Doku-Thriller „Zero Days“. Um sicherzugehen, dass Stuxnet die Zentrifugen in der iranischen Atomanlage Natanz tatsächlich erreicht, hat der Mossad den NSA-Virus demnach mit ein paar geänderten Code-Zeilen bewusst noch aggressiver gemacht.

Gibneys Zeugen dafür sind Mitarbeiter der NSA, die er in dem Streifen neben Security-Forschern, Beamten und Geheimdienstlern zu Wort kommen lässt. Sein zentrales Plädoyer lautet: Wenn die Öffentlichkeit nicht bald Opfer einer aus dem Ruder laufenden Cyber-Eskalation werden will, muss sie eine Debatte über das digitale Wettrüsten erzwingen. Denn längst laufen größere Operationen an, sagen seine NSA-Gewährsleute. MONIKA ERMERT

Alex Gibney: „Zero Days. World War 3.0“. 116 Minuten. Läuft in ausgewählten deutschen Kinos. DVD: 12,99 Euro, Blu-ray: 15,99 Euro

WELTRAUM

So cool ist das All

Der Astroteilchenphysiker und Science-Slammer Michael Büker, Jahrgang 1987, nimmt seine Leser mit auf eine Reise durch das Universum. Er beginnt in Erdnähe und arbeitet sich dann langsam in die sprichwörtlichen unendlichen Weiten vor, wobei er vor allem den vielen interessanten Jupiter- und Saturnmonden seine Aufmerksamkeit widmet.

Wer regelmäßig die einschlägigen Fernseh-Dokus sieht, erfährt dabei zwar wenig grundlegend Neues. Dennoch ist das Buch lesenswert. Es ist locker geschrieben, enthält viele Anekdoten und anschauliche Vergleiche. Außerdem lässt Büker immer wieder durchblicken, was ihn persönlich an der Weltraumforschung so fasziniert. Diese Faszination überträgt sich schnell auf den Leser. GREGOR HONSEL

Michael Büker: „Ich war noch niemals auf Saturn. Eine Reise durchs Universum“. Ullstein, 400 Seiten, 9,99 Euro (E-Book: 8,99 Euro)

WISSENSCHAFT

Schlüssel zur Zukunft

Gerd Ganteför hat sich mit seinem neuen Buch viel vorgenommen: Nichts weniger als ein Ritt durch den aktuellen Forschungsstand der Naturwissenschaften, von der Physik über die Astronomie zur Biologie und Medizin – um dann deren technische Grenzen und künftige Aussichten aufzuzeigen. Damit will er Technologieskepsis und Zukunftsangst die naturwissenschaftliche Aufklärung entgegensetzen. Denn in der Forschung liege der Schlüssel für eine „fantastische Zukunft“.

Gibt es außerirdisches intelligentes Leben? Wird man durch die Zeit reisen können? Werden alle Krankheiten besiegt? Das sind nur ein paar der Fragen, denen sich der Experimentalphysiker von der Universität Konstanz widmet. Sein Buch richtet sich nicht an Experten der Gebiete, weswegen er wohl häufig auf Wikipedia-Artikel statt auf wissenschaftliche Paper verweist. Ein wenig stutzig macht es dennoch, dass im Biologie- und Medizinkapitel wenigstens die Nennung des Stichworts CRISPR fehlt. Wen der zuweilen repetitive Stil nicht stört, der erhält mit Ganteförs Plädoyer immerhin ein verständliches Einstiegswerk in die Welt der Technologie. JENNIFER LEPIES

Gerd Ganteför: „Heute Science Fiction, morgen Realität?“, Wiley-VCH, 234 Seiten, 24,90 Euro (E-Book: 21,99 Euro)