Technology Review 10/2016
S. 84
Meinung

Arme Länder werden zu Early Adopters

Früher waren neue Technologien nur für Reiche. Nun aber könnten gerade die ärmsten Menschen am meisten profitieren – vor allem im Gesundheitsbereich.

Industrielle Revolutionen waren in der Vergangenheit nicht immer von Vorteil für die Armen. Denn trotz der potenziellen Vorteile, die neue Technologien bringen, sind die unmittelbaren Auswirkungen für Geringverdiener oft negativ gewesen. Wenn sie nicht gleich ihre Arbeit verloren haben, verschlechterten sich zumindest ihre Arbeitsbedingungen. Oft gefährdeten langfristige Schadstoffeinwirkungen die Menschen. Es gibt Hinweise, dass auch heutzutage eine technologiegetriebene Wirtschaft nur einer erfolgreichen Minderheit zugute kommt und die bestehende Ungleichheit verschärft.

Doch mit der vierten industriellen Revolution könnte sich das ändern. Denn wo Dampf einst zur Mechanisierung, Elektrizität zur Massenproduktion und IT zur Automation führte, vereint die vierte industrielle Revolution Technologien, um etwas Neues zu erreichen. Nicht nur dass das Leben der Ärmsten der Welt durch diese Fortschritte radikal verbessert wird, in einigen Fällen sind sie auch die ersten, die davon profitieren.

Damit scheint eine globale Trendwende einzusetzen. Manchmal dauert es Jahrzehnte, bevor sich Menschen auf der untersten Stufe der Gesellschaft neue Technologien leisten können, obwohl sie meistens diejenigen sind, die davon am meisten profitieren würden. Doch die Revolution, die jetzt ansteht, kann zu großen Verbesserungen der Lebensqualität führen – und arme Länder gehören zu den Early Adopters. Diese vierte industrielle Revolution könnte helfen, die globale Kluft in der Gesundheitsversorgung zwischen Arm und Reich zu schließen.

Nehmen Sie das Beispiel Drohnen. Trotz viel beachteter Spielereien wie Pizzalieferungen liegt ihr tatsächliches Potenzial im Transport von Medikamenten und medizinischen Produkten. Mehrere Unternehmen wie Matternet arbeiten in den USA bereits an solchen Versorgungsflügen. Bisher ist es in den USA nicht zulässig, kommerzielle Drohnen ohne Genehmigung der Federal Aviation Administration fliegen zu lassen. In Ruanda dagegen begrüßt die Regierung solche Flüge.

Schon im Mai während des World Economic Forum on Africa in der Hauptstadt Kigali kündigte die ruandische Regierung einen neuen landesweiten Drohnenlieferservice an. In Partnerschaft mit dem amerikanischen Drohnenhersteller Zipline International und finanziert in Teilen von UPS und meinem Unternehmen Gavi, soll dieser Lieferservice zeitkritische medizinische Versorgungsgüter wie Blutkonserven und Tollwutimpfungen von der Hauptstadt in entfernte Regionen Ruandas bringen. Das ist eine elegante Lösung für einige der gewaltigen Herausforderungen bei der Versorgung armer Gemeinden.

Technik hat auch eine Schlüsselrolle dabei gespielt, Menschen in den entlegensten Regionen der Welt überhaupt erst aufzuspüren. Denn während Smartphone-Nutzer in New York ganz einfach satellitengestützte geografische Informationssysteme (GIS) nutzen können, um den nächsten Starbucks zu finden, hat die gleiche Technik in Afrika eine entscheidende Rolle bei den Bemühungen gegen Polio gespielt. Einer der Gründe, warum manche Kinder nicht geimpft werden konnten, ist, dass sie nicht online sind, also virtuell nicht existieren. Doch wenn Polio wirklich ausgerottet werden soll, ist es entscheidend, dass auch das letzte Kind in Poliogebieten erreicht wird. Früher hat man dafür Flugzeuge eingesetzt, die über solche Gebiete flogen. Das war kostspielig, ineffizient und fehleranfällig. Nun haben die Bill & Melinda Gates Stiftung und die Weltgesundheitsorganisation geografische Informationssysteme eingeführt, um Siedlungen in Hochrisikogebieten zu finden und Impfkampagnen durchzuführen. Das hat viel gebracht.

Während der Ebola-Epidemie sollte eine neue Gensequenzierungstechnologie helfen, Mutationen des Virus in Echtzeit zu identifizieren und zu verfolgen. Um das Virus innerhalb von 24 Stunden zu sequenzieren, wurde das handliche Gerät MinION von Oxford Nanopore eingesetzt. Zukünftig könnten solche Technologien genutzt werden, um Epidemien in den ärmsten Regionen der Welt verfolgen zu können und ihre Ausbreitung besser zu verstehen.

Doch die Technik mit den langfristig größten Auswirkungen ist das Handy. Schon 2007 gab es auf dem afrikanischen Kontinent südlich der Sahara mehr Mobilfunkverträge als sanitäre Einrichtungen. Heute sind es 850 Millionen Mobilfunkverträge auf dem gesamten Kontinent. Das entspricht einer Mobilfunkdurchdringung von 74 Prozent. Mobilfunkbasierte Technologien helfen schon heute, digitale Gesundheitsdaten oder den Bestand medizinischer Versorgungsgüter zu erfassen, Lieferketten zu verbessern und Gebiete mit durchgeführten Impfungen zu kartieren. Aber weil vier von fünf Menschen in Afrika immer noch keinen Zugang zum Internet haben, gibt es noch viel Potenzial.

Trotz dieser technischen Fortschritte hat eins von fünf Kindern immer noch nicht die absolut nötigsten Impfungen. Nach wie vor sterben 1,5 Millionen Kinder jedes Jahr an Krankheiten, gegen die Impfungen existieren – ungefähr alle zehn Sekunden eines. Wir glauben, dass die vierte industrielle Revolution helfen kann, das zu ändern. Sie kann einige der Herausforderungen meistern, die uns bisher daran hindern, wirklich jedes Kind zu erreichen, sei es in entlegenen ländlichen Regionen oder städtischen Slums.