Technology Review 8/2016
S. 3
Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

Sollten deutsche VW-Kunden, deren Fahrzeug Schummelsoftware enthält, genauso hoch entschädigt werden wie die Autokäufer in den USA? Die Antwort scheint völlig klar: gleicher Schaden – gleiche Entschädigung. Doch was auf den ersten Blick wie eine einfache Frage der Gerechtigkeit aussieht, entpuppt sich auf den zweiten Blick als etwas viel Grundlegenderes: Wie zwei Kulturen – die deutsche und die US-amerikanische – mit Risiken umgehen. Hierzulande herrscht die Überzeugung, dass etwas nur dann sicher ist, wenn es seine Unbedenklichkeit bewiesen hat. Das berühmte Vorsorgeprinzip kritisieren Fortschritts-Optimisten gerne als Bremse für Innovation. In den USA hingegen ist etwas so lange unbedenklich, bis das Gegenteil bewiesen ist – sehr zur Freude experimentierfreudiger Unternehmen.

Beides hängt zwar nicht unmittelbar mit dem VW-Skandal zusammen, wohl aber mit dem Denken, das zu der unterschiedlichen Entschädigung geführt hat. Denn gerade weil das US-System weniger Wert auf das Vorsorgeprinzip legt, sind die Geldbußen drakonisch, wenn etwas passiert. Deutschland hingegen verlangt von Unternehmen hohe Investitionen, um Schaden zu vermeiden. Tritt er dennoch ein, kommen die Verursacher vergleichsweise glimpflich davon.

Man kann lange darüber diskutieren, welche Methode die bessere ist. In der aktuellen Ausgabe beschäftigen wir uns an gleich zwei Stellen mit dem Thema: Auf Seite 84 diskutieren wir den tödlichen Unfall mit dem Tesla-Autopiloten. Auf Seite 48 berichten wir, wie Forscher Nutzpflanzen genetisch verändern, um sie gesünder zu machen. Man kann die US-Methode für zu blauäugig oder die deutsche für zu risikoavers halten. Man muss jedoch zugeben, dass jedes System für sich funktioniert – wenn natürlich auch nicht perfekt. Was aber nicht funktioniert: sich aus beiden die Rosinen zu picken. Hohe Ausgaben für die Vorsorge zu verlangen und trotzdem viel Geld bei Schäden kassieren zu wollen. Denn für Firmen verdoppelt sich damit das Risiko, sie werden kaum neue Produkte auf den Markt bringen. Umgekehrt aber geht es ebenso wenig: Die Vorsicht der Deutschen zu beklagen und gleichzeitig die extrem hohen Schadensersatzsummen in den USA für Unsinn zu halten. Denn dann bleiben die Verbraucher ungeschützt zurück.

Ich begrüße Sie in unserer August-Ausgabe.

Ihr

Robert Thielicke

Unterschrift