Technology Review 9/2016
S. 111
Fundamente
Rückschau

Freier fließen

An dieser Stelle blicken wir zurück auf Artikel, die vor fünf Jahren in Technology Review erschienen sind. Diesmal: Carsharing

technology review 9/2011 Die Carsharing-Flotte hat sich in fünf Jahren mehr als verdoppelt.

Das Auto steht am Scheideweg“, schrieb TR 2011. „Seine technische Weiterentwicklung allein ist noch kein Rezept gegen Klimawandel und überfüllte Städte – es muss Teil eines integrierten Verkehrssystems werden.“

Ein Weg dorthin: neue Carsharing-Konzepte. Daimler hatte zwei Jahre zuvor Car2go gestartet – als erstes „Free Floating“-System ohne feste Stationen. Seitdem ist es kräftig gewachsen. Zwar wurde der Betrieb in Ulm, London, Birmingham, Miami und Los Angeles mangels Profitabilität wieder eingestellt. Doch es bleiben noch 30 Städte in neun Ländern mit insgesamt 14000 Autos und 1,9 Millionen Kunden übrig.

Bundesweit bringen es heute vier Free-Floating-Anbieter auf 7000 Fahrzeuge. Auch das stationsbasierte Carsharing hat zugelegt: Seit 2011 konnte es seine Flotte von gut 5000 auf über 9000 Wagen fast verdoppeln. Laut Bundesverband CarSharing sind 1,2 Millionen Menschen bei einem Carsharing-Dienst angemeldet – noch nicht viel im Vergleich zu den rund 45 Millionen Pkws in Deutschland, aber immerhin satte zwanzig Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

Ein neuer Trend sind kombinierte Systeme aus stationsbasierten und frei fließenden Fahrzeugen. Sie werden laut CarSharing-Verband anders genutzt als reine Free-Floating-Flotten: „Nicht die Einwegfahrt steht im Mittelpunkt des Interesses, sondern die Möglichkeit, Fahrzeuge ohne Reservierung und Festlegung auf den Abgabezeitpunkt ausleihen zu können.“ Deshalb würden sie im Schnitt für längere Fahrten genutzt und dem öffentlichen Nahverkehr weniger Konkurrenz machen.

Auch wenn bei Car2go schon knapp zehn Prozent der Wagen mit Strom fahren, hat sich am Auto als solches wenig geändert. Dabei gab es schon vor fünf Jahren Ansätze, es auf die Anforderungen des Teilens zuzuschneiden. „Ein optimales Carsharing-Fahrzeug muss kürzer als 2,5 Meter sein, damit es quer einparken kann“, sagt Thilo Röth, Professor an der RWTH Aachen. Er und seine Mitstreiter wollten ein solches eigentlich bis 2013 auf den Markt gebracht haben. Daraus wurde nichts. „Das Projekt fordert enorm viel Geld“, sagt Röth. Unter dem Namen Share2drive lebt es aber weiter. Dank platzsparendem E-Antrieb haben die Aachener einen Dreisitzer auf die Räder gestellt, der kürzer als ein Smart, aber so sicher wie eine S-Klasse sein soll. Ein Prototyp werde „demnächst“ fahrbereit sein, so Röth. GREGOR HONSEL