Technology Review 9/2016
S. 12
Aktuell

Internet-Kultur

„Niedlichkeit ist eine Milliarden-Dollar-Industrie“

TR: „Cute“ lässt sich mit „niedlich“ oder „süß“ übersetzten. Aber was sind „Cute Studies“, Mr. Dale?

Joshua Paul Dale: Das ist die interdisziplinäre Erforschung der „Cuteness“ – der Niedlichkeit. Diese Forschungen haben erst vor einigen Jahren begonnen. Ich selbst bin einer der ersten Wissenschaftler auf diesem neuen Forschungsfeld. Das wissenschaftliche Interesse an diesem Thema ist jedoch sehr viel älter. Bereits 1943 hat der Verhaltensforscher Konrad Lorenz den Begriff „Kindchenschema“ vorgeschlagen – für eine Reihe von Merkmalen, die seiner Vermutung nach einen Drang zur Bemutterung und Pflege auslösen.

Was genau untersuchen Sie denn?

Die Fähigkeit, manche Dinge als süß oder niedlich zu empfinden. Die körperliche Reaktion auf diese Reize scheint eine universelle, menschliche Eigenschaft zu sein. Was aber genau als niedlich empfunden wird, und wie unsere Reaktionen darauf sind, ist durch kulturelle und individuelle Hintergründe geprägt. Indem wir die Untersuchungen zur Ästhetik mit der Erforschung der Wirkung von Niedlichkeit verbinden, untersuchen wir Niedlichkeit als soziales und biologisches Phänomen.

Joshua Paul Dale forscht an der Gakugei-Universität und hat ein interdisziplinäres Projekt für „Cute Studies" ins Leben gerufen.

Ist das nicht sehr akademisch?

Pokémon Go zeigt, dass das Interesse an niedlichen Figuren, das lange auf bestimmte Subkulturen beschränkt war, jetzt im Mainstream ankommt. Alles ist niedlich geworden: Filme, Werbung für Fastfood, Kleidung und so weiter. Man kann sagen: Niedlichkeit ist eine Industrie, die Milliarden von Dollar wert ist. Aber niemand untersucht dieses Phänomen wissenschaftlich. Das ist ein Zustand, den ich gern ändern würde.

Sie beschäftigen sich also im Wesentlichen mit einer heilen Welt?

Nein. Niedlichkeit kann durchaus auch gefährlich werden. Es gibt Versuche, die emotionale Antwort auf Niedlichkeit für niederträchtige Zwecke zu missbrauchen, wie etwa politische Propaganda. Der IS beispielsweise verwendet Bilder von Kätzchen in sozialen Netzwerken. INTERVIEW: WOLFGANG STIELER

Robotik

Möbel mit Mehrwert

Ein Spin-off des MIT Media Labs will Robotermöbel auf den Markt bringen, die je nach Bedarf ihre Position, Form und Funktion ändern und so auch kleinste Wohnungen komfortabel machen. „Wir sind umgeben von Platzfressern“, sagt Hasier Larrea, Gründer des Start-ups Ori. Bevölkerungswachstum und Urbanisierung werde Architekten aber schon bald dazu zwingen, kostbaren Wohnraum effizienter zu nutzen als bisher. Die technische Basis hat Larrea gemeinsam mit seinen Mitgründern im Rahmen seiner Doktorarbeit entwickelt.

Dieses Bett fährt gesten- oder stimmgesteuert aus dem Schrank. Foto: Ori and M.I.T.

2014 demonstrierte das Team um MIT-Professor Kent Larson, wie wandelbar eine 18-Quadratmeter-Wohnung sein kann. Kernstück des Projektes „City Home“ war der „Shape Changer“, eine Art Schrank, der motorgetrieben durch die Wohnung fährt, ein ausklappbares Bett und mehrere ausfahrbare Tischflächen enthält und sich beispielsweise durch Touchsensoren bewegen lässt.

An den Seiten des Möbels verteilte Kraftsensoren messen, wie stark der User auf das Interface drückt. Das Möbelstück bewegt sich umso schneller, je mehr Kraft ausgeübt wird. Dies soll ein Gefühl der „Mühelosigkeit“ erzeugen. Verschieben lassen sich die Robotermöbel aber auch durch Gesten oder Sprachbefehle.

Das Unternehmen hat sich mit Immobilienpartnern in Boston und Washington DC zusammengetan und will noch in diesem Jahr erste Wohnungen mit seinen Robotermöbeln zeigen. Informationen zu Preisen sind noch nicht verfügbar. WOLFGANG STIELER