Technology Review 11/2017
S. 64
TR Mondo

CHINA

Warum 500 Millionen Menschen in China mit dieser künstlichen Intelligenz sprechen

Seit es iFlytek gibt, sprechen Millionen Chinesen mit ihren Computern – und der versteht sie sogar. Foto: iFlytek

Wenn Gang Xu, ein 46-jähriger Pekinger, mit seinem kanadischen Mieter über Mietzahlungen oder Stromrechnungen kommunizieren muss, öffnet er eine App namens „iFlytek Input“, tippt auf das Mikrofonsymbol und fängt an zu sprechen. Die Software wandelt seine chinesischen Sätze in englischen Text um und sendet sie an den Mieter – und umgekehrt. So entwickelt sich eine nahtlose Konversation.

In China nutzen mehr als 500 Millionen Menschen diese App, um solche Sprachbarrieren zu überwinden – auch zu Sprechern anderer chinesischer Dialekte. Oder um Textnachrichten während der Fahrt zu versenden. Gerichte transkribieren mit der iFlytek-Technologie lange Verhandlungen, Callcenter generieren automatisierte Antworten, und der Taxidienst Didi übermittelt damit Aufträge an seine Fahrer.

iFlytek ist ein chinesisches KI-Unternehmen, das Deep Learning bei Spracherkennung, Sprachverarbeitung, maschineller Übersetzung und Data Mining anwendet. Es ist derzeit rund zwölf Milliarden Dollar wert und hat eine Tochtergesellschaft in den USA gegründet, um in andere Sprachen zu expandieren. Die kostenlose App sammelt seit ihrer Einführung im Jahr 2010 Sprachdaten und macht die Anwendungen damit immer intelligenter. Über eine offene Plattform stellt iFlytek das gesammelte Wissen mehr als 400000 Entwicklern aus allen Branchen zur Verfügung.

Damit ändert sich in vielen Branchen die Art und Weise, wie Unternehmen mit ihren Kunden umgehen. Im August brachte iFlytek etwa einen Sprachassistenten für Autofahrer auf den Markt. Um sie nicht abzulenken, gibt es weder Bildschirm noch Tasten. Ist das Smartphone des Fahrers mit dem Internet verbunden, kann die App per Sprachbefehl Anrufe tätigen, Musik abspielen, navigieren oder nach Restaurants suchen. Später, wenn sich die Fahrer an die Sprachschnittstelle gewöhnt haben, könnte der Assistent beispielsweise auch Unterhaltungsangebote empfehlen, statt immer nur passiv Anfragen zu bearbeiten. So entstehen ganz neue Geschäftsmodelle.

Im Anhui Provincial Hospital zeigt sich bereits, wie Sprachtechnologie die Arbeit verändert. In der Lobby begrüßen zehn mit iFlytek-Technologie ausgestattete Roboter die Besucher und entlasten damit die Empfangsmitarbeiter. Die Patienten können den digitalen Assistenten sagen, was ihnen fehlt, und bekommen dann mitgeteilt, in welcher Abteilung ihnen geholfen werden kann. Auf Grundlage der seit Juni gesammelten Daten kamen die Bots auf eine Trefferquote von 84 Prozent. Auch die Ärzte verwenden dort eine mobile App von iFlytek, um Vitalparameter, eingenommene Medikamente und andere Patienteninformationen zu diktieren. Die App wandelt dann alles in schriftliche Aufzeichnungen um. Zum Einloggen nutzt sie die Stimme als fälschungssicheres Erkennungsmerkmal.

Eine wirklich fehlerlose Sprachverarbeitung bleibt jedoch eine ungeheure Herausforderung. Als Xu beispielsweise seinen Mieter fragen wollte, wann er von der Arbeit nach Hause kommt, um den Mietvertrag zu unterschreiben, machte die App daraus: „Wann gehen Sie heute zur Arbeit?“ Das Missverständnis rührt daher, dass die KI zwar eine riesige Datenmenge nach einer passenden Antwort durchsuchen kann. Allerdings versteht sie nicht, was ihre eigene Antwort bedeutet. iFlyteks Antwort darauf ist bisher, so viele Daten wie möglich zu sammeln. Es wird spannend, wie weit sie damit kommen.

Yiting Sun

Dänemark

Neues Mittel gegen Schlangenbisse

Im Labor entsteht Andreas Hougaard Laustsens Gegengift gegen Schlangenbisse. Foto: Michael Barett Boesen
Foto: Shutterstock

Notstand bei den Gegenmitteln gegen Schlangengifte: Die Vorräte des wichtigsten Antivenoms „Fav-Afrique“ sind fast aufgebraucht. Der Hersteller Sanofi-Pasteur hat die Produktion 2010 eingestellt, weil Billigprodukte aus Indien und Südamerika das teure Breitband-Antivenom zunehmend aus dem Markt drängten. Doch die Ersatzpräparate wirken nur beim Gift einer einzigen Schlangenart und helfen selbst dann oft nicht, weil der Giftcocktail derselben Art in unterschiedlichen Regionen andere Zusammensetzungen hat. Was beim Biss einer Indischen Kobra anschlägt, muss noch lange nicht gegen den Toxin-Mix der afrikanischen Variante das richtige Mittel sein. Fav-Afrique dagegen hilft gegen zehn der wichtigsten Schlangengifte, darunter das von Vipern, Kobras und Mambas.

Jährlich 5,4 Millionen Menschen werden weltweit von Schlangen gebissen. Zwar sterben nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO nur zwischen 81000 und 730000 Menschen an den Folgen, aber dreimal so vielen müssen Gliedmaße amputiert werden.

Hoffnung auf Abhilfe bringt nun eine fünf Jahre alte Idee des Dänen Andreas Hougaard Laustsen. Der 30-jährige Ingenieur entwickelt Schlangengift-Antitoxine ausschließlich im Labor mit biotechnologischen Methoden. Bisher gewinnt man die Medikamente aus dem Blut von immunisierten Säugetieren, meist Pferden und Lamas. Doch auf diesem Weg gelangen auch Proteine in das Medikament, gegen die sich der menschliche Körper wehrt. Die Folge sind zum Teil heftige Nebenwirkungen bis hin zu allergischen Schockzuständen. Ohne den Umweg über die Säugetiere wären die Medikamente nicht nur fast nebenwirkungsfrei. Die Herstellung wäre auch deutlich preiswerter. Dadurch könnte Laustsens Ansatz gegen die Billigkonkurrenz bestehen.

2013 gründete der Jungforscher sein Unternehmen VenomAb. Die Technische Universität Dänemark fand sein Vorhaben aber so vielversprechend, dass sie ihm auf ihrem Campus in Lyngby bei Kopenhagen eine eigene Forschungsgruppe mit 15 Mitarbeitern zur Verfügung stellte. VenomAb kümmert sich nun nur noch um die geschäftliche Weiterentwicklung.

„Im Prinzip nehmen wir ein Schlangengift, das Venom, und trennen die unterschiedlichen Toxine, die im Gift vorkommen", beschreibt Laustsen sein Vorgehen. „Im Labor können wir dann künstlich simulieren, welche menschlichen Antikörper ein spezielles Schlangentoxin unwirksam machen.“ Dazu nutzen die Forscher Antikörper, die bereits in großen humanbiologischen Bibliotheken an den Universitäten Aarhus und Cambridge vorhanden sind. Das sind Viruspartikel, sogenannte Virione, die man aus der DNA resistenter Patienten hergestellt hat. Im Labor produzieren die Virionen dann die Antikörper, aus denen sich reine Antivenome gezielt für alle Schlangenvarianten fertigen lassen.

In drei bis vier Jahren könnte einem Menschen das erste Antiserum aus Laustsens Produktion gespritzt werden. „Für die Zulassung ist jedoch noch viel Kommunikation mit Gesundheitsbehörden in Dänemark sowie in den Entwicklungsländern und mit der Weltgesundheitsorganisation notwendig“, sagt der Ingenieur.

Hanns-J. Neubert