Technology Review Special 2017
S. 96
Medien des Jahres

Die dunkle Seite der Mondfahrt

Margot Lee Shetterly: „Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen“, HarperCollins, 416 Seiten, 14 Euro (E-Book 12,99 Euro)

Sie waren schwarz, weiblich, und sie brachten die USA ins All: Eine weitgehend unbeachtete Gruppe von Mathematikerinnen hat – allen Widerständen zum Trotz – den Grundstein für das amerikanische Raumfahrtprogramm gelegt. In „Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen“ erzählt Margot Lee Shetterly detailliert ihre Geschichte, 2017 kam der Film dazu in die Kinos. „Was mir für diese Frauen vorschwebte, war die große, mitreißende Story, die sie verdient haben – vergleichbar mit der, die man mit den Brüdern Wright und den Astronauten verbindet“, sagt Shetterly.

Mindestens 50 schwarze Frauen stehen seit 1943 auf der Lohnliste von Langley – als „Computer mit Röcken“. Dass sie trotz grassierender Rassentrennung überhaupt zu solchen Jobs gekommen sind, haben sie – Ironie der Geschichte – einem der schlimmsten Rassisten aller Zeiten zu verdanken: Adolf Hitler. Denn Anfang der 1940er-Jahre befinden sich die USA im Krieg und brauchen dringend Rechnerinnen für die Luftfahrtforschung – ein Job, der traditionell von Frauen erledigt wird. Doch die weißen Universitäten sind leergefegt. Der Personalmangel in Langley ist so groß, dass das Forschungszentrum an der Küste Virginias, einem der Epizentren der Rassentrennung, 1943 das Undenkbare macht: Es stellt schwarze Rechnerinnen ein.

Sie bekommen einen Platz im Rechenzentrum West zugewiesen, einer Lagerhalle im sumpfigen Teil der Forschungsanstalt – und sorgfältig getrennt von den weißen Mathematikerinnen im Rechenzentrum Ost. Weder die Toiletten noch die Kantine dürfen die beiden Gruppen gemeinsam nutzen.

Erzählerisch ist das Buch wenig überzeugend, Shetterly berichtet allzu nüchtern und penibel. Seine große Kraft schöpft das Werk allerdings aus den Schicksalen der Hauptdarstellerinnen. Die schwarzen Mathematikerinnen gehen ihren Weg, unbeeindruckt von Toilettenschildern, Kantinentischen und alltäglichem Rassismus. Während vor den Toren des Forschungszentrums noch immer die Segregation tobt, will sich die Raumfahrtagentur so etwas nicht mehr leisten. So wurde sie zum Pionier, auch abseits der Reise zum Mond. Alexander Stirn

So sah 2017 vor 30 Jahren aus

Paul Michael Glaser (Regie): „The Running Man“, TriStar Pictures, 101 Minuten, 1987

Der Schwarzenegger-Film „The Running Man“ von 1987 ist heute weitgehend vergessen. Warum also sollte man ihn sich jetzt noch einmal anschauen? Ganz einfach: Er spielt im Jahr 2017, und es ist immer lustig, Zukunftsvisionen der jüngeren Vergangenheit mit der Gegenwart abzugleichen.

Es ist keine besonders nette Vision, die der Film zeigt: Die USA sind zu einem Polizeistaat geworden, und im Rahmen einer Fernsehshow werden Häftlinge durch das von einem Erdbeben zerstörte Los Angeles gehetzt. Der Plot basiert zwar auf einer Geschichte von Stephen King, dient im Film aber lediglich als Rahmen für zahllose Actionszenen und Verfolgungsjagden. Cineastische Dutzendware eben.

Interessanter sind die Details am Rande. Hier lag „Running Man“ oft bemerkenswert richtig: So schalten sich etwa Licht, Kaffeemaschine, Toaster und Flachbildschirm in den Wohnungen per Sprachbefehl ein. Reisen lassen sich über kleine elektronische Terminals buchen, nachdem man sich mit seinem elektronischen Ausweis eingeloggt hat. Eine prognostische Punktlandung, könnte man meinen, wären diese Terminals nicht Röhrenbildschirme von der Anmutung eines Goldfischglases und mit der Auflösung einer Bahnhofstafel.

Aktuell ist auch das Thema Fake News: Durch ein gefälschtes Video wird der Protagonist für ein Massaker an Zivilisten verantwortlich gemacht. Untergrundaktivisten schmuggeln das Original auf einer (bierdeckelgroßen) Speicherkarte aus dem Fernsehsender und veröffentlichen es. Der johlende Mob wechselt daraufhin prompt die Seiten und attackiert den Moderator. Diese Leichtigkeit, mit der ein Gegenbeweis die Stimmung kippt, wirkt aus heutiger Sicht naiv und idealistisch. Andererseits: Sollte es heute nicht genauso selbstverständlich sein wie vor 30 Jahren, dass Menschen ihre Meinung ändern, wenn sie neue Belege präsentiert bekommen? Und ist das eigentlich Erstaunliche nicht unser Erstaunen darüber, für wie selbstverständlich man dies früher hielt? Mitunter können einen auch alte B-Movies zum Nachdenken bringen. GREGOR HONSEL

siddhartHa mukherjee

Das Gen

In seinem brillanten Buch über die Vererbungslehre verknüpft der Pulitzerpreisträger reine Wissenschaft mit seiner persönlichen Familiengeschichte. Dadurch behandelt der aus Indien stammende US-Mediziner zugleich ein zentrales Problem der noch vergleichsweise jungen Disziplin der Genetik: Bisher weiß man noch zu wenig über die Gene, die etwa die in Mukherjees Familie häufig vorkommende Krankheit Schizophrenie auslösen können. Aber selbst wenn alle identifiziert wären, könnte man nicht sagen, ob und wann die Krankheit ausbricht oder was man dagegen tun kann. Wie aber soll der Autor damit umgehen? Und wie soll er sich im Falle seiner beiden Töchter verhalten? Das ist der Knackpunkt, der immer wieder zur Sprache kommt.

Siddhartha Mukherjee widmet sich zudem den Meilensteinen der Genetik, bei Mendel angefangen bis hin zum Gen-Editing. Seine wirkliche Stärke aber entwickelt der Band durch viele lebensnahe und bisweilen warmherzige Porträts: etwa von dem 18-jährigen Jesse Gelsinger, der 1999 an einem unausgereiften gentherapeutischen Verfahren starb. Sein Tod gilt bis heute als Sündenfall der Gentherapie. inge wünnenberg

S. Fischer, 768 Seiten, 26 Euro (E-Book 22,99 Euro)

yuval Noah Harari

Homo Deus

Die elektronische Aufrüstung des Menschen ist in vollem Gang, und spätestens seit 2017 ist auch die biotechnologische Perfektionierung denkbar: Wissenschaftler erkunden unter anderem, wie sich das Downsyndrom genetisch reparieren ließe. „Was wird mit uns und unserem Planeten passieren, wenn die neuen Technologien dem Menschen gottgleiche Fähigkeiten verleihen?“, fragt der Klappentext von „Homo Deus“. Und anders als übliche Transhumanisten-Fantasien gibt der Autor Yuval Noah Harari nachdenkenswerte Antworten.

Harari lehrt an der Hebrew University in Jerusalem, sein Schwerpunkt ist Weltgeschichte. Den Humanismus deutet er als nahezu zwangsläufige Folge des Verlusts an Religiosität: Weil die Aufklärung keinen Platz mehr für Gott ließ, musste der Mensch fortan an sich selbst glauben. Wird die Aufrüstung des Körpers diese Entwicklung auf die Spitze treiben? Wird jeder sein eigener Gott? Hariri glaubt nicht daran. Er erwartet nicht die Vollendung des Humanismus, sondern im Gegenteil seine Abschaffung: Aus Humanismus wird Dataismus, aus individueller Freiheit kollektive Steuerung.

Harari sieht das durchaus positiv: „Die Algorithmen werden nicht aufbegehren und uns versklaven. Vielmehr werden sie ihre Entscheidungen für uns so gut treffen, dass wir verrückt wären, ihrem Rat nicht zu folgen.“ Man muss diese Einschätzung nicht teilen. Aber sie bringt eine interessante neue Perspektive. Robert Thielicke

C. H. Beck, 576 Seiten, 24,95 Euro (E-Book 19,99 Euro)

Cathy O’Neil

Angriff der Algorithmen

Von Algorithmen hängt es ab, ob man einen Kredit erhält, wie viel man für die Krankenversicherung bezahlt oder ob man den gewünschten Job bekommt. Cathy O’Neil erklärt, wie diese Algorithmen zwar theoretisch objektive Entscheidungen treffen, in der Praxis aber oft nur mächtigen Interessen folgen. Sie sind zu Waffen geworden, die unsere Gesellschaft erschüttern, schreibt sie in ihrem Buch „Angriff der Algorithmen“, dessen englische Originalversion einen viel treffenderen Titel trägt: „Weapons of Math Destruction“. O’Neil besitzt dabei die seltene Gabe, Mathematik zu erklären, ohne Mathematik zu benutzen. Und sie weiß, wovon sie spricht. Sie ist Mathematikerin, hat in Harvard promoviert, als Hedgefonds-Managerin gearbeitet und das Risiko von Kreditausfällen analysiert – was aber niemanden in der Branche interessiert hat. „Mathematik wurde benutzt, um Leute zu beeindrucken und zu verdummen“, schreibt O’Neil. Sie stieg aus, engagierte sich in der globalisierungskritischen Bewegung und begann zu beschreiben, was schiefläuft. Die Algorithmen werden zwar nicht wieder verschwinden, aber es müsse gelingen, sie „zu bändigen“. Wolfgang Stieler

Carl Hanser Verlag, 352 Seiten, 24 Euro (E-Book 17,99 Euro)