Technology Review 3/2017
S. 48
Horizonte
Luftfahrt

Von Überschall und Unvernunft

Seit dem Aus der Concorde träumt die Branche von einer Renaissance des Überschall-Reiseflugs. Inzwischen ist tatsächlich eine neue Generation in der Entwicklung. Warum nur?

Wenn man in einem halben Jahrhundert keine maßgeblichen Fortschritte erzielt – sollte man es dann nicht bleiben lassen? Schon 1966 erreichte ein Militärjet, der US-Aufklärer SR-71 „Blackbird“, mit 3529 Stundenkilometern die 3,36-fache Schallgeschwindigkeit (Mach 3,36) – Weltrekord für normale Flugzeuge. Theoretisch hätte er also unter zwölf Stunden die Erde umrunden können. Drei Jahre später hatte die Überschall-Passagiermaschine Concorde ihren Erstflug. Doch der vermeintliche Beginn einer neuen Ära des Luftverkehrs entpuppte sich als reiner Ingenieurstraum – und endete mit einem Drama. Nur 16 Exemplare wurden gebaut. 2000 explodierte eines beim Start, 113 Menschen starben. 2003 wurde die Concorde ausgemustert. Der Traum vom Überschallreisen war am Ende.

Nun soll er erneut beginnen. Start-ups, große Flugzeugbauer oder die Nasa tüfteln an einer neuen Generation supersonischer Reiseflugzeuge. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) will dafür sogar die Erde hinter sich lassen. Wie ein Spaceshuttle soll der SpaceLiner mit einer Trägerrakete senkrecht starten und bis knapp vor die Weltraumgrenze beschleunigen. Auf etwa 80 Kilometern Höhe würden 50 Passagiere und zwei Besatzungsmitglieder dann im Gleitflug mit bis zu zwanzigfacher Schallgeschwindigkeit auf ihr Ziel zustürzen. Australien wäre von Europa in 90 Minuten erreichbar, Kalifornien in 60. Dank des Treibstoffs aus flüssigem Sauerstoff und Wasserstoff stieße der SpaceLiner weder CO2 noch Stickoxide aus und würde damit sogar die Umwelt schonen. Noch müssen Reisende jedoch etwas warten: DLR-Projektleiter Martin Sippel kann sich eine Inbetriebnahme um 2050 vorstellen.