Technology Review 8/2017
S. 12
Aktuell

Interview

„Und sonst eben nicht“

Volker Epping ist seit 2015 Präsident der Universität Hannover. Die Hochschule hat sich 2006 mit acht anderen technischen Universitäten zum Verband TU 9 zusammengeschlossen, der sich besonders in Fragen der Qualität der Ingenieurausbildung engagiert. Foto: Wikimedia

TR: Professor Epping, Sie haben gemeinsam mit anderen Präsidenten technischer Universitäten kürzlich die Zunahme sogenannter Kuckucksei-Promotionen kritisiert. Was ist darunter zu verstehen?

Volker Epping: Das sind Promotionen, die uns sozusagen ins universitäre Nest gelegt werden wie Kuckuckseier. Wir sprechen über Promotionen, die Unternehmen ausschreiben, um interessante Bewerberinnen und Bewerber anzusprechen. Das Angebot lautet dann meist, während einer Laufzeit von drei Jahren auf einem Thema zu promovieren, das von Interesse für die jeweilige Firma ist.

Das klingt doch erst mal nicht verwerflich, oder?

Ja. Aber man darf nicht vergessen, dass die Themensuche und die Auswahl der Doktoranden originär Aufgaben der Universitäten sind – und nicht irgendeiner Firma.

Die Universitäten haben dieses Recht ja immer noch. Sie können Bewerber auch ablehnen. Wo also ist das Problem?

Wir haben Fälle, in denen eine Firma gesagt hat: Dieses Thema mit diesem Mann muss bearbeitet werden, sonst gibt es keine Drittmittel mehr. Dagegen richten wir uns. Wir arbeiten gern mit der Industrie zusammen, aber die Absprachen müssen vorher laufen. Es geht uns um den Ablauf, den korrekten Prozess in der Zusammenarbeit und um Respekt für die jeweiligen Kompetenzfelder.

Es gibt also finanziellen Druck?

Das kann ich bestätigen. Das sind keine Einzelfälle. Da ist Druck ausgeübt worden, und da sind natürlich auch potenzielle Doktorandinnen und Doktoranden im Regen stehen gelassen geworden.

Gibt es denn Reaktionen von den betroffenen Firmen?

Nein. Wir haben das Thema in der Hochschulrektorenkonferenz diskutiert, und Präsident Horst Hippler hat dann die Vorstände der Unternehmen angeschrieben, die in diesem Gebiet unterwegs sind. Soweit mir bekannt ist, hat lediglich VW geantwortet.

Haben Sie ein konkretes Beispiel für eine aus Ihrer Sicht problematische Stellenanzeige?

In einer Anzeige von Bosch wird eine Stelle zur Promotion und sogar zur Habilitation ausgeschrieben. Dass Bosch das Recht hat, Promotionen oder Habilitationen zu vergeben – so jedenfalls der erste Eindruck der Anzeige –, fand ich überraschend.

Reicht den Unternehmen denn die Zusammenarbeit mit Universitäten über Drittmittelforschung nicht mehr?

Ich denke, die Firmen wollen ihre eigene Forschung machen, die aber dann mit einem universitären Siegel verzieren.

Wie könnte man den Konflikt auflösen?

Es wäre relativ einfach von den Firmen, direkt auf die Universitäten zuzugehen und zu sagen: Könnt ihr euch vorstellen, diese Themen als Promotionen zu vergeben? Und dann könnte man zusammen die entsprechenden Kandidaten für die Promotionen aussuchen.

Und wenn Sie nicht zusammenkommen?

Entweder kommt die Wirtschaft auf uns zu, oder die Unternehmen werden mit ihren Promotionsprogrammen nicht mehr reüssieren können.

Sie haben keine Sorge, dass sich das auf die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft auswirkt?

Die großen Firmen, die selbst Milliarden in die Forschung investieren, kommen zu den Universitäten, weil es ihnen um hochspezifisches Wissen geht, das in den Firmen anscheinend nicht vorhanden ist. Unser Angebot ist, zu kooperieren, aber nur, wenn sie die spezifische Rollenverteilung akzeptieren und respektieren, wo die Kompetenz zur Findung von Themen und geeigneten Promovenden und wo das Promotionsrecht liegt. Sonst eben nicht. Interview: Wolfgang Stieler

UMWELT

Papier aus Kalkstein

Die Papierherstellung ist aufgrund des großen Wasserbedarfs nicht sonderlich umweltfreundlich. Der japanische Unternehmer Nobuyoshi Yamasaki hat mit seiner Firma „Times Bridge Management Global“, kurz TBM, nun ein Verfahren entwickelt, bei dem statt Zellulose Kalkstein als Grundmaterial verwendet wird.

Zur Herstellung von einer Tonne herkömmlichem Papier werden laut Yamasaki 100 Tonnen Wasser benötigt und ungefähr 20 Bäume. Das Limex genannte Papier von TBM kommt mit weniger als einer Tonne Kalkstein aus. Zusätzlich werden knapp 200 Kilo Polyolefin-Polymer – also Kunststoff – benötigt. Dadurch erhält das fertige Steinpapier eine gute Wasserresistenz: Es kann draußen, in Feuchträumen und sogar unter Wasser beschrieben werden. In Japan wird es bereits für Visitenkarten genutzt. Darüber hinaus ist Limex auch recyclingfähig.

Produziert hat TBM bereits Notizbücher, Poster, Bücher, Platzkarten und sogar Origami aus Steinpapier. Mit einer japanischen Sushikette hat die Firma dem Mediendienst Bloomberg zufolge jetzt einen Vertrag für die Menükarten von 400 Restaurants geschlossen. Yamasaki hat darüber hinaus große Pläne: Er will weitere Fabriken besonders in wasserarmen und kalksteinreichen Regionen der Welt, etwa in Kalifornien oder Marokko, gründen. Ben Schwan