Technology Review 1/2018
S. 18
Aktuell

Eishöhle voller Bücher

Foto: Xinhua/ Ddp Images

1,2 Millionen Exemplare finden in der Bibliothek von Binhai, einem Vorort der chinesischen Hafenstadt Tianjin, Platz. Entworfen wurde das von der Kugel in der Mitte beleuchtete Bücherraumschiff von dem niederländischen Architekturbüro MVRDV. Einen Nachteil hat das Konzept allerdings: In den unteren Regalen stehen tatsächlich echte Bücher, bei den Exemplaren in luftiger Höhe handelt es sich jedoch um Attrappen.

Lebenshilfe

Software hilft beim Entscheiden

Wissenschaftler der RWTH Aachen haben ein Online-Tool entwickelt, das beim Treffen wichtiger beruflicher und privater Entscheidungen helfen soll. Der „Entscheidungsnavi“, der von einem Team um Rüdiger von Nitzsch vom Lehr- und Forschungsgebiet Entscheidungsforschung und Finanzdienstleistungen entwickelt wurde, soll Interessierten helfen, rational statt aus dem Bauch heraus zu entscheiden. Dazu gibt die Software „Anleitungen zur Reflexion der eigenen Werte und Ziele“ und hilft, bekannte psychologische Stolperfallen bei Entscheidungen zu vermeiden. Hierzu gehören beispielsweise Verzerrungen bei der Abschätzung von Nutzen oder Risiken oder die Gefahr, die eigenen Fähigkeiten zu überschätzen.

Das kostenfreie Tool beruht auf den Erkenntnissen der Entscheidungstheorie, mit der sich von Nitzsch bereits seit den 1990er-Jahren beschäftigt. Die Software, die im Rahmen einer Vorlesung über Entscheidungslehre für die Studierenden der Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften entstand, ist nicht das erste Programm dieser Art. Das Hamburger Start-up Vedaserve hat 2015 eine ebenfalls online frei verfügbare Software namens Proofler entwickelt, die dem User hilft, Informationen zu sammeln, zu bewerten und letztendlich die bestmögliche Option zu wählen. WOLFGANG STIELER

MEDIZIN

Gelähmter lernte gehen

Wieder eigenständig stehen und gehen kann ein seit sechs Jahren querschnittsgelähmter Amerikaner. Der 32-jährige Andrew Maes ist seit einem Motorradunfall von der Hüfte an abwärts gelähmt. Forscher des Kentucky Spinal Cord Injury Research Centers haben ihm an der Wirbelsäule einen Impulsgeber und im Bauchraum die zugehörige Stromversorgung implantiert (DOI:10.1038/s41598-017-14003-w). Über Jahre hinweg wurden Maes’ Motorneuronen damit ein bis zwei Stunden am Tag elektrisch stimuliert, während er Übungen zum Stehen, zum Bewegen der Knie und zum Gehen absolvierte.

Am Ende konnte Maes selbstständig seine Knie strecken. Zum Aufstehen musste er sich zwar noch mithilfe seines Oberkörpers hochziehen, aber anschließend konnte er zur Überraschung von Enrico Rejc, dem Hauptautor der Studie, ohne elektrische Stimulation des Rückenmarks stehen. „Die freiwillige Komponente, also die konstanten Bemühungen, motorische Aufgaben mithilfe des Implantats zu bewältigen, kann zu einer unerwarteten Besserung führen“, stellte Rejc fest.

Damit hat sich gezeigt, dass sich das menschliche Nervensystem auch noch Jahre nach einer ernsten Rückenmarksverletzung erholen kann. Als Ursache vermuten die Autoren, dass auch nach schweren Verletzungen noch gewisse Nervenverbindungen existieren können. INGE WÜNNENBERG

App des Monats

Mit Kinderaugen sehen

Die Idee ist großartig: Um Kinder in die Stadtplanung mit einzubeziehen, sollen Stadtplaner die Welt mit Kinderaugen sehen. Dafür hat die Journalistin, Buchautorin und vierfache Mutter Anke Leitzgen die kostenlose App #stadtsache für iOS und Android entwickelt. Damit können Kinder Fotos, Videos oder Wege aufzeichnen, speichern und in eine öffentliche Karte hochladen. Vorher müssen sie den Beitrag allerdings erst einer von sieben Sammlungen – Stadtendecker, Gebautes, Abenteuerliches, Grünes, Poetisches, Technisches oder Verspieltes – zuordnen und anschließend einer von mehreren darin befindlichen Aufgaben, etwa: „Wo gibt es gute Plätze für Streetsport?“, „Finde Trampelpfade in der Stadt.“ oder „Wo ist die Stadt zu laut? Mach ein Foto und nimm die Geräusche auf.“

So ist die App für Kinder wie eine Schnitzeljagd durch ihre Stadt oder ihr Viertel. Sie nehmen ihre Umwelt bewusster wahr und haben die Möglichkeit, oft übersehene Dinge neu zu entdecken, zu bewerten und andere daran teilhaben zu lassen.

Auf der Website stadtsache.de gibt es zusätzlich Tipps und Tricks für die Fotos. Außerdem stehen dort ein Workbook und ein Fragebogen zum Download bereit. Für Organisationen wie Schulen, Kommunen oder Jugendgruppen gibt es die kostenpflichtige Möglichkeit, eigene Sammlungen, Fragen und Aufgaben einzustellen. KARSTEN SCHÄFER

SOLARTECHNIK

Ganzjährig mit der Kraft der Sonne heizen

Durch Rohrschlangen werden die Betonflächen des Hauses zum Wärmespeicher. Foto: ISFH

Wer in unseren Breiten sein Einfamilienhaus ganzjährig mit Sonnenwärme heizen will, greift meist zu einem zentral installierten klobigen Wasserspeicher mit etwa zehn Kubikmetern Volumen. Deutlich weniger Raum benötigt ein um etwa ein Drittel günstigeres Sonnenhaus-Konzept, das nun zwei Jahre lang vom Hamelner Institut für Solarenergieforschung ISFH in Hannover getestet wurde. Das Haus kommt mit einem nur einen Kubikmeter großen Wasserspeicher aus und nutzt stattdessen Bodenplatte und Betondecke als Wärmespeicher.

Solarkollektoren auf dem Dach heizten das Wasser auf, Rohrschlangen ähnlich wie bei einer Fußbodenheizung leiteten es zu den Betonflächen und dem kleinen Wasserspeicher. Die auf diese Weise gespeicherte Wärme – insgesamt etwa 3000 Kilowattstunden pro Jahr – deckte rund 40 Prozent des Heizbedarfs im Jahresdurchschnitt.

Das neue Konzept erzielte ein Fünftel mehr Wärme als ein klassisches Solarhaus mit großem Wassertank. Gekoppelt mit einer Erdwärmepumpe braucht es für die gesamte Wärmeversorgung nur knapp acht Kilowattstunden zusätzlicher Energie pro Quadratmeter. JAN OLIVER LÖFKEN

KÜNSTLICHE INTELLIGENZ

Horror aus dem Twitter-Feed

„Ich fing wieder an zu atmen. Die Ketten an meinen Handgelenken schmerzten, und der Schatten starrte mich weiter an.“ Was passiert wohl als Nächstes? Shelley, eine künstliche Intelligenz des Massachusetts Institute of Technology, stellt die Frage mit der Aufforderung „#yourturn“ an den Leser. Stündlich twitterte sie rund um Halloween unter @shelley_ai gruselige Einstiegssätze, die sie dann abwechselnd mit den Nutzern zu kleinen Horrorstorys weiterspann. Stiegen an einer Stelle mehrere Leser mit unterschiedlichen Fortsetzungen ein, spaltete sich die Geschichte in verschiedene Versionen auf. Aus dem obigen Einstieg beispielsweise erwuchsen elf Varianten, an der längsten haben acht Co-Autoren mit insgesamt 33 Tweets mitgewirkt.

Ihr Gespür für Schauergeschichten hat Shelley, benannt nach der Frankenstein-Autorin Mary Shelley, an 140000 einschlägigen Reddit-Beiträgen trainiert. „Shelley ist eine Kombination aus einem mehrschichtigen, rekurrenten neuronalen Netzwerk und einem Algorithmus, der aus den Rückmeldungen der Zuschauer im Laufe der Zeit lernt“, erklärt Projektleiterin Pinar Yanardhag. „Je mehr Shelley mit den Leuten zusammenarbeitet, desto erschreckendere Geschichten wird sie schreiben.“ GREGOR HONSEL

watchlist politik

Vernetzung nicht nötig

Die Trump-Regierung hat laut Nachrichtenagentur AP die geplante Vorschrift gekippt, dass Neuwagen untereinander vernetzbar sein müssen („Car-to-Car-Communication“).

Höhere Hürden für Kohle

Deutsche Kohlekraftwerke müssen künftig strengere Umweltauflagen einhalten. Das noch von der SPD geführte Bundesumweltministerium hatte darauf verzichtet, gegen eine entsprechende EU-Anordnung zu klagen.

Netzsperren erleichtert

Das EU-Parlament will Verbraucherschützern mehr Rechte im Kampf gegen betrügerische Onlinehändler verleihen. Als letztes Mittel sollen die Organisationen auch ohne richterliche Anordnung Netzsperren verhängen dürfen. Gegner fürchten eine Zensur-Infrastruktur.

Keine Anerkennung von Abschlüssen

Seit Anfang 2016 sollen alle EU-Länder die Berufsabschlüsse ihrer Bürger gegenseitig anerkennen. Deutschland, Frankreich und Belgien haben diese Vorgabe allerdings immer noch nicht vollständig umgesetzt. Nun will die EU-Kommission diese Länder auf Zwangsgelder verklagen.

Verbot von Kinderuhren

Smarte Kinderuhren mit „Babyphone-Funktion“, also einer Abhörmöglichkeit, sind für die Bundesnetzagentur unerlaubte Sendeanlagen und dürfen nicht mehr verkauft werden.

Verbrauch besser messen

Die EU-Kommission will ab 2020 für alle neuen Fahrzeugtypen eingebaute Verbrauchsmessgeräte vorschreiben, die genauere Daten als die bisherigen Zulassungstests liefern. Die Mitgliedsstaaten müssen noch zustimmen.