Technology Review 10/2018
S. 50
Horizonte
Umwelt

Unter Untoten

Im Kampf gegen Umweltverschmutzung wird gern mit verkürzter Lebenszeit argumentiert. Doch die „vorzeitigen Todesfälle“ geben gar nicht das an, was die meisten Leute vermuten.

Wie viele Menschen sterben vorzeitig durch Feinstaub? Niemand weiß es. Foto: Fotolia

400 000. Die Zahl prangt fett in der Überschrift. Es geht um Luftverschmutzung in europäischen Städten. „Wegen des Feinstaubs sterben jährlich rund 400000 Menschen vorzeitig“, beklagte die Europäische Umweltagentur in einer Studie aus dem Oktober 2017. Auch beim deutschen Umweltbundesamt ist regelmäßig davon zu lesen. Aufgrund von Feinstaubbelastung sollen pro Jahr 44 500 Deutsche nicht so alt werden, wie sie es ohne die Luftverschmutzung werden könnten. Die griffigen Zahlen passen gut in auffällige Überschriften, und in den Debatten um die Luftbelastung durch den Verkehr sind sie zum schlagkräftigen Argument geworden. Das Problem ist nur: „Es sind keine echten Toten“, sagt Gerd Gigerenzer, Psychologe und Risikoforscher am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Aber was sind unechte Tote? Wer nachforscht, wie „vorzeitige Todesfälle“ berechnet werden, bekommt Zweifel, ob die Zahlen so kurz und knackig in einer Überschrift stehen sollten.