Technology Review 12/2018
S. 81
TR Mondo

Kenia

Wo das Gras grüner ist

Die App Afriscout soll Hirten den Weg zu guten Weidegebieten zeigen. Foto: PCI
Bei der Dürre ziehen die Hirten dorthin, wohin es die App ihnen empfiehlt. Foto: Danita Delimont

Seit zwei Jahren herrscht in Kenia eine Dürre. Für die Hirten wird die Suche nach Weideflächen und Wasser für ihre Herden deshalb immer schwieriger. „Als ich das letzte Mal mit meinen Rindern zur Grenze Richtung Tansania zog, um dort Gras und Büsche zu finden, starben 15 meiner Tiere auf dem Weg“, berichtet Joshua Ntaserua, ein Maasai-Hirte aus dem Süden.

Doch nun ist Ntaserua gegen solche Tragödien besser gewappnet – und zwar dank seines Smartphones und der neuen Android-App Afriscout. Mit einem Fingerwisch vergrößert er den Ausschnitt einer Satellitenkarte. Ein grüner Fleck erscheint, und die App berechnet die Entfernung dorthin: 44 Kilometer. Am Abend haben Ntaserua und seine Herde den neuen Weideplatz erreicht.

Laut der amerikanischen Entwicklungshilfeorganisation Project Concern International (PCI), die das Projekt ins Leben gerufen hat, benötigen rund 250 Millionen Hirten in ganz Afrika verlässliche Informationen, wohin sie ihre Herden führen sollen. Bislang tauschten sich die Hirten mündlich oder über handgemachte Karten aus. Fehlinformationen erwiesen sich allerdings zum Teil als tödlich für Rinder, Ziegen und Schafe. So lag in Kenia der durchschnittliche Verlust bei 25 Prozent. Für die Existenz der Hirten eine bedrohliche Situation.

Eine jüngst von PCI durchgeführte Umfrage unter den Nutzern von Afriscout ergab, dass sich ihre Verluste durch die App um 48 Prozent verringert hatten. „Die Hirten müssen auch weniger Notverkäufe organisieren“, berichtet die kenianische PCI-Repräsentantin Brenda Wandera.

Entwickelt wurde die App vom iHub, einem Coworking Space für technische Innovationen in Nairobi. Die Karten nutzt sie von Projektunterstützer Google. Das Material wird alle zehn Tage automatisch aktualisiert. Nutzer können auf den Karten auch selbst den Ausbruch von Tierkrankheiten, die Anwesenheit von Raubtieren sowie etwaige Konflikte oder mangelnden Zugang zu Wasser markieren.

Derzeit hat die App rund 5000 Nutzer in Kenia und 1000 weitere in Tansania und Äthiopien. „Wir hoffen, in diesen drei Ländern auf 30000 Abonnenten zu kommen“, sagt Wandera. Noch ist der Zugang kostenlos. Doch sobald das von der amerikanischen Regierungsagentur USAID bereitgestellte Anfangsbudget aufgebraucht ist, soll sich Afriscout selbst tragen. Dafür sollen die Nutzer künftig umgerechnet 30 US-Dollar im Jahr bezahlen.

Bis es so weit ist, sind noch einige Hindernisse zu überwinden. Viele Kenianer nutzen noch veraltete Handys, auf denen keine Apps laufen. Auch haben die Hirten in entlegenen Weidegebieten oft weder Strom noch Netz. Doch Brenda Wandera ist zuversichtlich: „Es gibt hierzulande schon genug Smartphones, um einen Anfang zu machen. Außerdem haben viele kleine Orte solarbetriebene Ladekioske. Und die Karte bleibt offline verfügbar, wenn es kein Netz gibt.“ Selbst ältere Hirten hätten Interesse bekundet: „Sie sagten uns, wenn diese App für ihre Herden wichtig werde, dann müssten sie eben eine Ziege verkaufen, um ein Smartphone zu finanzieren.“

ROMAN GOERGEN