Technology Review 12/2018
S. 12
Aktuell

DIGITALE ASSISTENTEN

„Wir passen unsere Sprache den Maschinen an“

TR: Herr Lobin, kommt es erstmalig zu einem Sprachwandel, den nicht Menschen, sondern sprechende Maschinen auslösen?

HENNING LOBIN forscht zum Einfluss der Digitalisierung auf Sprache. Er ist Direktor des Instituts für Deutsche Sprache und Professor für Germanistische Linguistik an der Universität Mannheim.

LOBIN:Vermutlich. Das maschinelle Sprachverhalten unterscheidet sich von dem des Menschen. Wenn sehr viele Mensch-Maschine-Kommunikationsakte stattfinden, wird sich auch die Sprache als solche wandeln.

Wie beeinflusst die Kommunikation mit sprachgesteuerten digitalen Assistenten unser Sprachvermögen?

Wahrscheinlich werden wir Menschen uns den Assistenten anpassen. Wir werden uns auf eine Weise ausdrücken, von der wir glauben, dass das System damit am besten umgehen kann. Das betrifft etwa die Aussprache und die Satzbildung.

Wir drücken uns also maschinengerechter aus, damit die Kommunikation mit der Maschine erfolgreich ist?

Es gibt viele Missverständnisse mit Siri und Alexa. Um die zu reduzieren, benutzen wir möglichst eindeutige sprachliche Formen. Wir formulieren so, dass Kontext nicht vorausgesetzt wird. Das würden wir bei mitdenkenden Menschen nicht tun.

Welche Teile unserer Sprachvielfalt leiden dann?

Wir passen Sprechgeschwindigkeit, Wortwahl und Satzlänge an. Außerdem haben es Dialekte schwer. Sprachassistenten verstehen und produzieren klare standardsprachliche Formen, kein Bayrisch oder Schwäbisch.

Färbt dieser Sprachstil auf unsere Kommunikation mit Menschen ab?

Wir können Stile unterscheiden, denken Sie allein an Gespräche mit Kindern. Wenn wir aber im Alltag beispielsweise immer öfter Sprachassistenten im Imperativ ansprechen, wenden wir ihn tendenziell auch bei Menschen häufiger an. So wird aus einer üblichen, als Frage konstruierten Aufforderung „Könntest du bitte das Licht anmachen?“ ein „Mach das Licht an!“

Wenn wir zunehmend von sprechenden Maschinen umgeben sind, was macht das mit dem Selbstbild des Menschen?

Es bekommt einen weiteren Kratzer ab. Der Philosoph Luciano Floridi hat mal von der vierten Revolution gesprochen. Kopernikus hat uns aus dem Zentrum des Universums vertrieben, Darwin von der Krone der Schöpfung, Freud von der Kontrolle über unseren Verstand. Und nun relativieren sprechende und intelligente Maschinen unsere Position als einzige intelligente Sprachbenutzer. Immerhin sind wir durch die vorhergehenden Revolutionen ganz gut darin geübt. INTERVIEW: ANTON WESTE

MEDIZINTECHNIK

Pflaster entfernt Tattoo

Foto: Shutterstock

Jeder zehnte deutsche Tätowierte möchte die Bilder auf seiner Haut wieder loswerden. Doch die gängigen Entfernungsmethoden per Laser oder Chemikalien sind teuer, schmerzhaft und erfordern für ein Tattoo mehrere Sitzungen. Das möchte das Schweizer Start-up Tarasa ändern.

Gründer Robertino Engel entwickelt dafür ein mit winzigen Nädelchen besetztes Pflaster. Durch die nur einen Millimeter langen und an der Spitze 40 Mikrometer dünnen Hohlnadeln werden kleine Mengen einer sauren Substanz in die Haut eingebracht. Untersuchungen zufolge nimmt man die Einstiche kaum wahr, sagt Engel, der sich von Medizinern bei seiner Entwicklung beraten lässt. Es entstehe eine kleine lokale Entzündung, die die Farbpigmente aus ihrer Verankerung löse. Nach 30 bis 60 Minuten Einwirkzeit lassen sich durch dieselben Hohlnadeln sowohl die Säure als auch die Pigmente absaugen. Dieses bereits für die Behandlung von chronischen Wunden etablierte Verfahren dauert mehrere Stunden.

Mit einem ersten Prototyp, der auf einem Quadratzentimeter neun Mikronadeln enthielt, gelang es Engel, den Großteil der Pigmente aus einem Stück toter, tätowierter Schweinehaut zu entfernen. Als Nächstes soll ein voll funktionsfähiger Prototyp mit mehreren 10000 Mikronadeln entstehen. VERONIKA SZENTPÉTERY-KESSLER