Technology Review 5/2018
S. 16
Aktuell

MEDIZINTECHNIK

Vibrationen geben Prothesen Gefühl

Screenshot aus Video © Cleveland Clinic

US-Forscher wollen Prothesenträgern zu flüssigeren und präziseren Bewegungen verhelfen. Dafür übersetzte ein Team um Paul Marasco an der Cleveland Clinic zunächst die Bewegungen und Griffe der Prothese in jeweils eigene Vibrationsmuster. Diese übertrugen sie anschließend in einer Pilotstudie mit kleinen Geräten auf die Brustmuskeln von sechs ausgewählten Probanden. Bei ihnen haben die Brustmuskeln die Funktion der verlorenen Armmuskeln übernommen, nachdem die durchtrennten Armnerven operativ hierher umgeleitet wurden.

Bekamen die Brustmuskeln Feedback in Form von Vibrationen, gelang es den Probanden schon nach wenigen Minuten, Bewegungen besser zu steuern und sie auch ohne Hinsehen richtig auszuführen. Wie die Forscher im Fachjournal „Science Translational Medicine“ schreiben, entstand dabei ein so realistisches Bewegungsgefühl, dass sich die Prothese sogar als Teil des Körpers anzufühlen begann (DOI: 10.1126/ scitranslmed.aao6990). VERONIKA SZENTPÉTERY-KESSLER

FOTOGRAFIE

Lichtfeldfotos mit normalen Kameras

K-Lens-Mitgründer Matthias Schmitz Foto: Oliver Dietze

Nie mehr unscharfe Fotos, verspricht die Lichtfeldfotografie. Sie basiert darauf, Richtung und Winkel aller Lichtstrahlen einer Szene einzufangen (siehe TR 12/2016, S. 60). Bereits 2012 brachte das kalifornische Start-up Lytro nach diesem Prinzip eine Consumer-Kamera heraus. Während Lytro gerade dichtmacht, verfolgt K-Lens, ein Spin-off des Max-Planck-Instituts für Informatik und der Uni des Saarlandes, die Idee weiter. Es will die Technik in einem Wechselobjektiv unterbringen. Im Inneren verbirgt sich ein Spiegelsystem, das wie ein Kaleidoskop verschiedene Perspektiven auf das gleiche Motiv erzeugt, die dann simultan auf den Kamerasensor projiziert werden. Per Software lassen sich Schärfe und Unschärfe nachträglich einstellen, Objekte freistellen oder die Perspektiven verändern.

Noch in diesem Jahr soll ein erster Prototyp, 2019 ein kommerzielles Produkt fertig sein – zunächst als Foto-Objektiv ohne Videofunktion. Es soll rund 800 Gramm wiegen, für Kameras mit Vollsensor optimiert sein und an alle gängigen Objektivanschlüsse passen. Eine spätere Version für Videos soll es unter anderem ermöglichen, 3D-Aufnahmen zu filmen oder Akteure ohne „Green Screen“ freizustellen. Zudem beteiligt sich K-Lens an einem Forschungsprojekt für Profikameras. GREGOR HONSEL

watchlist politik

Drei Prozent Digitalsteuer

Die EU-Kommission schlägt eine dreiprozentige Digitalsteuer für Internetkonzerne vor, die einen weltweiten Umsatz von mehr als 750 Millionen Euro haben, davon mindestens 50 Millionen innerhalb der EU. Davon wären 120 bis 150 Unternehmen betroffen, rund ein Drittel davon aus Europa. Die Steuer soll nicht wie bisher auf Gewinne, sondern auf Umsätze anfallen und von den Staaten erhoben werden, in denen die Nutzer wohnen – unabhängig davon, wo die Konzerne ihre Niederlassungen haben.

6,5 Milliarden Risikokapital

Die EU hat ein neues Risikokapitalprogramm namens VentureEU aufgelegt. Sie selbst steuert 410 Millionen Euro bei, die von sechs privaten Risikokapitalfonds auf insgesamt 2,1 Milliarden aufgestockt werden sollen. Diese werden wiederum an kleinere Fonds verteilt, um damit weitere private Kapitalgeber anzulocken. Insgesamt sollen so 6,5 Milliarden Euro zusammenkommen, was die Menge des gegenwärtig in Europa zur Verfügung stehenden Risikokapitals verdoppeln würde.

Kryptogeld für Berkeley

Die kalifornische Stadt Berkeley plant eine sogenannte Initial Coin Offering (ICO), also die Ausgabe von eigenem Kryptogeld. ICO gerieten durch unseriöse Anbieter schnell in einen schlechten Ruf, doch in diesem Fall basiert das Kryptogeld auf kommunalen Anleihen. Berkeley spricht deshalb von einem „Initial Community Offering“. Sogenannte Smart Contracts sollen es der Stadt erleichtern, Geld für Schulen, Krankenhäuser, Straßen oder Abwasserkanäle einzusammeln und die Zinsen automatisch auszuzahlen. Da ein großer Teil des Verwaltungsaufwands entfalle, lohne sich dies auch für kleinere Projekte, so die Stadt.

Tracker für Meerestiere

Foto: Muhammad Mustafa Hussain/KAUST

Ob diese blaue Schwimmkrabbe durch ihr neues Kleid wirklich nicht gestört wird? Muhammad Mustafa Hussain von der King Abdullah University of Science and Technology und seine Kollegen haben sich jedenfalls alle erdenkliche Mühe gegeben, die „Meeres-Haut“ möglichst unaufdringlich zu gestalten. Mit der Sensorfolie wollen die Forscher jetzt rund 200 verschiedene Arten im Roten Meer tracken. Sie wiegt lediglich 2,4 Gramm. Eine Knopfbatterie liefert Strom für mehrere Monate, während denen die Sensoren den Wasserdruck, die Temperatur und den Salzgehalt des Wassers aufzeichnen.

Verkehr

Heuschrecken-Augen für autonome Autos

Autonome Fahrzeuge nutzen mit Radar, Videokameras, Abstandsdetektoren und GPS-Modul bereits jetzt eine Vielzahl von Sensoren, um sicher durch den Verkehr zu navigieren. Hundertprozentig sicher funktionieren diese Systeme jedoch noch nicht, wie jüngste Unfälle auf tragische Weise gezeigt haben. Denn die Auto-Software muss aus den Sensordaten schnell genug ein Szenario herausrechnen, auf das sie dann reagieren kann.

Ein bionisches Sensorsystem nach dem Vorbild von Insekten soll nun helfen, Unfälle in möglichst jeder Situation zuverlässig zu vermeiden. Der Sensor soll die Fähigkeit von Heuschrecken kopieren, die selbst in dichten Schwärmen nicht zusammenstoßen. Die Tiere verfügen über gerichtete Facettenaugen und hochspezialisierte Neuronen, die kritische Informationen herausfiltern und direkt an die Bewegungssteuerung weiterleiten können.

Im EU-Projekt Ultracept arbeiten Forscher um Shigang Yue von der britischen University of Lincoln an einem kompakten, günstigen Sensormodul, das möglichst nahe an die Reaktionsgeschwindigkeit der Insekten von 20 Millisekunden heranreicht. Ende 2017 testeten sie ihr Modell bereits erfolgreich in der Kollisionsvermeidung eines Quadrocopters. JAN OLIVER LÖFKEN