Technology Review 7/2018
S. 98
Kolumne
Aufmacherbild
Illustration: Mario Wagner

Der Futurist

Aus jung mach alt

Was wäre, wenn wir wirklich den Code des Alterns geknackt hätten?

Sie haben Wotans Leiche gefunden, er starb in seinem Bett, und niemand ahnt, dass es ein Verbrechen war. Das muss man erst einmal schaffen. Wotan war schließlich gerade mal 32 Jahre alt, trieb Sport und ernährte sich gesund. Allerdings hatte er Bluthochdruck und litt an Schlaflosigkeit. Wotan hatte vor sechs Monaten die Firma seines Großvaters übernommen – und nun denkt jeder: Armer Kerl, allem Anschein nach hat er auch sich selbst übernommen. Ein Herzinfarkt ist in seinem Alter zwar selten, kommt aber durchaus vor.

Dabei waren seine Symptome alles andere als natürlichen Ursprungs. Sie waren das Ergebnis einer manipulierten monatlichen Infusion, von der Wotan glaubte, sie sei ein Verjüngungspräparat der Firma Youngblood. Vor einigen Jahren hatten Forscher den Code des Alterns geknackt und das Versprechen langer Jugend möglich gemacht. Youngblood nun hatte sich darauf spezialisiert, aus Blutbestandteilen maximal 25-jähriger Spender einen auf den Empfänger zugeschnittenen Anti-Aging-Cocktail zusammenzustellen.

Doch wer weiß, was jünger macht, weiß auch, warum man rasch altert. Und das war meine Chance. Ich fädelte es so ein, dass Wotan das genaue Gegenteil seiner Wünsche erhielt, nämlich einen Cocktail mit Bestandteilen, die im Blut alter, gebrechlicher Menschen gehäuft vorkommen.

Wo man diese Infusionen mit echt aussehendem Youngblood-Logo herkriegt? Aus dem Darknet, wenn man die richtigen Leute fragt. Ich musste bei Wotan zu Hause nur die Flüssigkeiten austauschen. Aber das war kein Problem, ich war ohnehin oft zu Besuch. Ich bin schließlich seine Großmutter.

Warum ich es getan habe? Es war meine Rache. Wotan hat mir auf dieselbe Weise meinen Heinrich genommen. Seinen Großvater! Heinrich hatte beschlossen, die Zügel seiner Investmentfirma aus der Hand zu geben. Er wollte noch ein Jahr lang seinen Nachfolger anlernen, dann würden wir die Welt bereisen. Aber Wotan dachte, er erbt die Firma einfach so, ohne je einen Tag für sie gearbeitet zu haben. Als Heinrich ihn aus dem Büro warf, schwor er Rache.

Einige Wochen später begannen Heinrichs Beschwerden. Bis dahin hatte er sich für sein Alter bemerkenswert gut gehalten, vermutlich auch wegen der monatlichen Anti-Aging-Infusionen. Doch nun bekam er Bluthochdruck, sein Herz wurde schwach, er geriet schnell außer Atem. Doktor Gravenbroich konnte allerdings nichts Außergewöhnliches finden. Es seien ein paar mehr Altersmarker im Blut als üblich, aber was heiße das schon – in seinem Alter. Als Todesursache konstatierte sie Herzversagen. Ich habe nie daran geglaubt, konnte es aber nicht beweisen. Eines muss ich Wotan lassen: Ihm glückte der perfekte Mord.

Was wirklich passiert war, begriff ich erst, als mir ein Satz aus dem TED-Talk des Youngblood-Geschäftsführers wieder einfiel. Wotan hatte uns den Link vor ein paar Jahren geschickt. „Ähnlich wie die Blutkomponenten junger Spender alten Menschen helfen, könnten die von Senioren bei jungen Menschen Alterserscheinungen auslösen.“ Als Wotan ebenfalls an Herzversagen starb, sagte die Ärztin nur zu mir: „Mein Beileid, das muss in der Familie liegen.“ VERONIKA SZENTPÉTERY-KESSLER