Technology Review 8/2018
S. 26
Am Markt

Ausprobiert

Die Pappe lebt!

Mit Labo hatte die japanische Firma Nintendo die Idee, klassisches Spielzeug virtuell zu erweitern. Man kann aus Pappe etwa ein Motorrad bauen und Rennen fahren. Meine Kinder haben Gas gegeben.

Auf der Rennstrecke

„Was sollen wir zuerst bauen? Das Haus?“

„Achnee, Papa“, sagt meine zehnjährige Tochter.

„Ein Haus finde ich nicht so toll“, sagt mein fünfjähriger Sohn.

„Aber man kann drinnen das Licht an- und ausschalten, Wasserhähne aufdrehen und solche Sachen.“

„Aber das machen wir zu Hause doch dauernd“, sagt meine Tochter.

„Motorrad fahren fände ich cooler“, sagt mein Sohn.

„Okay. Was brauchen wir dazu?“, fragt meine Tochter.

Mein Sohn wartet die Antwort nicht ab und fängt schon einmal an.

Mit dem Bausatz Labo bringt die japanische Gaming-Firma Nintendo Computerspiele in die dritte Dimension, so dass Kinder sie anfassen können und – so die Hoffnung – kreativ mit ihnen umgehen. Sie können Häuser oder Motorradlenker basteln, und die Spielekonsole Nintendo Switch macht sie intelligent. Ihr Bildschirm zeigt beispielsweise das Innere eines Hauses oder eine Rennstrecke. Mit den Controllern kann man im ersten Fall das Licht anschalten oder die Vorhänge zuziehen, im zweiten Gas geben und lenken. Der Karton enthält verschiedene Bausätze, in unserem Fall neben Haus und Motorrad noch eine Angel, ein Klavier und einen Käfer, der laufen kann. Jedes Set besitzt eine eigene Farbe. Die Ordnung interessiert meinen Sohn jetzt aber nicht. Er löst die Formen kreuz und quer aus allen möglichen Bögen.

„Warte doch mal, du machst das ganz falsch“, sagt meine Tochter.

„Hey, lass mich, ich kann das.“ Seine Stimme zittert bedrohlich.

„Wollen wir in die Anleitung schauen?“, schlage ich schnell vor. Zum Glück gibt es sie per Video auf dem Switch-Tablet. Man kann Knöpfe drücken und der Animation zuschauen, deshalb lässt sich mein Sohn rasch überzeugen. Meine Tochter darf die Pappbögen falten und zusammenstecken, mein Sohn klickt uns Schritt für Schritt durch die Anleitung. Sie ist einfach zu befolgen, man kann Arbeitsschritte wiederholen oder überspringen. Die Altersangabe ab sechs Jahren trifft zwar zu, aber im Team haben auch jüngere Kinder ihren Spaß.

Nach einer Stunde ist das Papp-Lenkrad fertig. Wir können Tablet und Steuerkonsolen einsetzen. Leider ist nun der Akku leer. Ich hatte vergessen, vorher die Batterie aufzuladen, und die Videoanleitung hat Energie gekostet.

„Oh Papa“, sagt meine Tochter.

Mein Sohn macht „Brumm, brumm“ und fährt schon einmal ohne virtuelle Rennstrecke los.

Als die Batterie wieder voll ist, dauert es nicht lange und das harte Renngeschäft fordert seinen Tribut. Anlasser und Gashebel aus Pappe halten nicht lange durch, vor allem, weil beide Kinder mehr oder weniger Vollgas geben, aus den Kurven fliegen und ständig neu starten müssen.

Schnell ist klar, dass der große Spaß nicht das Basteln ist, sondern das Spielen. Die Behauptung von Nintendo, Kindern mithilfe von Labo mehr über die Funktionsweise von digitalen Technologien zu vermitteln, erfüllt sich nicht. Wer also bereits eine Switch besitzt, für den ist das Set eine lustige Erweiterung, wenn auch recht teuer. Wer extra die Nintendo-Konsole kaufen muss – sie ist im Labo-Paket nicht enthalten –, sollte es sich dreimal überlegen.

produkt: Nintendo Labo hersteller: Nintendo preis: ab 54,60 Euro Link: www.nintendo.de/Nintendo-Labo/Nintendo-Labo-1328637.html