Technology Review 9/2018
S. 88
Meinung
Bücher

»So etwas wie Rasse existiert nicht«

Der Genetiker Adam Rutherford leistet einen klugen Beitrag zur aktuellen Rassismus-Debatte.

Adam Rutherford: „Eine kurze Geschichte von jedem, der jemals gelebt hat. Was unsere Gene über uns verraten“ rororo Verlag, 464 Seiten, 16,99 Euro (E-Book 14,99 Euro)

Die moderne Genetik revolutioniert unser Wissen, und es wäre erstaunlich, würde die Abstammungslehre des Menschen davon verschont bleiben. In „Eine kurze Geschichte von jedem, der jemals gelebt hat“ hat der Brite Adam Rutherford jetzt die neuesten Erkenntnisse zusammengetragen. Der Genetiker und Wissenschaftsjournalist analysiert in seinem Buch die Evolution des Menschen in all ihren Facetten. Dabei greift Rutherford die jüngsten Erkenntnisse der Paläogenetik auf und zeichnet die vielfältigen Verflechtungen zwischen den zum Teil zeitgleich die Erde bevölkernden Gruppen nach: Ein Beispiel ist der Genfluss zwischen den lange als stumpfsinnig abqualifizierten Neandertalern und unseren, der Spezies Homo sapiens zugerechneten, Vorfahren. Dieser Kontakt hat dazu geführt, dass sich Neandertaler-DNA bis heute in unserem Genom wiederfindet.

Mithilfe der Erbgutanalyse entdeckten Forscher aber auch zuvor gänzlich unbekannte menschliche Linien. Dazu gehört beispielsweise der Denisova-Mensch. 2008 hatten Forscher in der namensgebenden sibirischen Höhle einen Fingerknochen von ihm entdeckt. Nach der Entschlüsselung seines Erbguts war klar: Die Geschichte der Menschheit musste wieder einmal umgeschrieben werden. Die Entdeckung in der Denisova-Höhle untermauerte die Annahme, dass zeitgleich mit Neandertaler und Homo sapiens auch noch andere Populationen der Gattung Homo existierten. So verwundert es nicht, dass auch der Denisova-Mensch seine Spuren in der DNA des modernen Menschen hinterließ.

Rutherford beschränkt sich aber nicht darauf, den neuesten Stand in Sachen Abstammungslehre pointiert zusammenzufassen. Schnell schneidet er ein Kernproblem an: Rassismus. Gerade hinsichtlich der aktuellen Debatten in den westlichen Gesellschaften leistet das Buch einen wertvollen Beitrag. Rutherford selbst hat durch seine Eltern nicht nur britische, sondern auch indische Wurzeln: „Wenn man einmal Rassismus erlebt hat, weiß man, worum es geht“, schreibt er. Mit detaillierten, vielschichtigen Informationen argumentiert er gegen die Vorurteile an.

Rutherford nutzt eine Fülle an Forschungsdaten und Beispielen, um zu zeigen, wie oberflächlich die gängigen Rassedefinitionen sind. „Genetisch unterscheiden sich zwei Schwarze wahrscheinlich deutlich stärker voneinander als ein hell- und ein dunkelhäutiger Mensch“, berichtet er. Und er weist nach, dass die Menschheit viel durchmischter ist, als sich aus ihrem Äußeren schließen lässt. „Wenn alle Menschen auf der Erde ausgelöscht würden mit Ausnahme einer der traditionellen Rassegruppen, zum Beispiel der Ostasiaten, würden noch immer 85 Prozent der genetischen Variation der Menschheit erhalten bleiben.“ INGE WÜNNENBERG

Internet

Trübe Aussichten

Das Mittelalter gilt gemeinhin als „finstere“ Epoche. Glaubt man den Warnungen des Künstlers James Bridle, steuern wir dank Digitalisierung auf ein neues dunkles Zeitalter zu. Zugegeben, die These ist nicht originell. Dass Computer mehr Probleme schaffen, als sie lösen, haben auch andere schon kritisiert. Aber Bridle erzählt diese Geschichte auf eine neue Weise. Die Cloud zum Beispiel ist bei ihm kein wolkiges, körperloses Fantasieschloss voller Server, sondern ein Pilzgeflecht, das unterirdisch und unsichtbar mit feinen Fäden unser gesamtes Leben durchdringt. Und Big Data ist bei ihm nicht das „neue Öl“, sondern eher vergleichbar mit Atomkraft. Sein Fazit: Wir müssen unsere Aufmerksamkeit „auf das Hier und Jetzt richten“ und nicht auf das „illusionäre Versprechen“, mit Computern alles vorhersagen zu können. W. Stieler

James Bridle: „New Dark Age“, Verso Books, 304 Seiten, 18,65 Euro (E-Book 12,79 Euro)

SCIENCE-FICTION

Geld regiert die Gezeitenzone

Normalerweise geht es bei Science-Fiction darum, was sich alles ändert. Bei „New York 2140“ steht im Vordergrund, was sich alles nicht ändert: Möge halb Manhattan auch wegen des Klimawandels überflutet sein, möge die dort entstandene „Gezeitenzone“ auch in Anarchie versinken: Finanzspekulanten werden immer einen Weg finden, damit Geld zu verdienen – bis die nächste Blase platzt. Einer von ihnen ist der schnöselige Hedgefondsmanager Franklin Garr, der gegen seinen eigenen Immobilien-Index wettet. Ausgerechnet er bringt eine sozial engagierte Anwältin auf die Idee, wie man das ganze Wirtschaftssystem auseinanderhebeln kann. Robinsons Roman ist etwas behäbig erzählt, lebt aber von seinen bunten Figuren. GREGOR HONSEL

Kim Stanley Robinson: „New York 2140“, Heyne, 816 Seiten, 16,99 Euro (E-Book: 13,99 Euro)

Klassiker neu gelesen

In der Zeitschleife

Neuheiten prasseln von allen Seiten auf uns ein, Beziehungen werden immer flüchtiger, Orientierungslosigkeit und Reizüberflutung machen sich breit. Kommt Ihnen bekannt vor? Kein Wunder: Jede Generation seit dem Mittelalter dürfte ihre Zeit für die schnelllebigste aller Zeiten gehalten haben.

So ging es auch dem US-Journalisten, Unternehmensberater und Zukunftsforscher Alvin Toffler (1928–2016), als er in den Sechzigern seinen Bestseller „Future Shock“ recherchierte. Der Titel ist eine Anlehnung an den Kulturschock durch zu viele neue Eindrücke in einem fremden Land. Allerdings gebe es beim Zukunftsschock keinen sicheren Rückzugsort mehr. Dadurch werde der Mensch krank, apathisch oder radikal – und die Gesellschaft unregierbar.

Die späten Sechziger waren in der Tat bewegte Zeiten. Aber radikaler als etwa die industrielle Revolution? Oder als die Gegenwart in Sachen Informationsüberflutung?

Trotzdem hatte Toffler offenbar einen Nerv getroffen: Bis heute wurde „Future Shock“ sechs Millionen Mal verkauft, in Dutzende Sprachen übersetzt und mit Orson Welles verfilmt. Das machte Toffler zu einem der einflussreichsten Denker seiner Generation.

Aus heutiger Sicht erscheint die damalige Aufgeregtheit etwas übertrieben – vielleicht auch deshalb, weil viele seiner Vorhersagen heute Alltag sind.

Zwischendurch stößt der Leser aber immer wieder auf Sätze beeindruckender Aktualität. Zum Beispiel bei der Beschreibung der Mechanismen, mit denen Menschen sich die moderne Welt vom Leibe halten: Der Spezialist verschanzt sich in sein eng abgetrenntes Fachgebiet, der Leugner lässt Änderungen gar nicht erst an sich heran, der Revisionist sucht neue Probleme mit alten Methoden zu lösen, der Nostalgiker will eine längst verschwundene Welt wiederherstellen, der Super-Vereinfacher weiß auf jede noch so komplexe Frage eine schlichte Antwort.

Kommt Ihnen bekannt vor? Kein Wunder: Die Schwäche des Buches ist gleichzeitig auch seine Stärke: Gerade weil der Wandel nicht, wie von Toffler behauptet, in den Sechzigern eine außergewöhnliche Beschleunigung erfahren hat, ist seine Beschreibung allgemeingültig – und damit heute noch lesenswert. GREGOR HONSEL

Alvin Toffler: „Future Shock“, Bantam Books, 576 Seiten; deutsch: „Der Zukunftsschock“; 1. Auflage 1970